Terror-Berichterstattung in den Medien: Warum sie oft problematisch ist

Wie im vorherigen Post versprochen, hier nun die wichtigsten Quellen zu meinem Psychologie-Heute-Artikel Terror ist gut fürs Geschäft.

Im Anschluss daran weitere interessante Funde zum Thema, die ich gemacht habe, nachdem ich den Artikel schon eingereicht hatte.

Die wichtigsten Quellen:

Buch

Frank J. Robertz, Robert Kahr (Hgg.): Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Springer, Berlin 2016

Wichtige Artikel:

(Reihenfolge der Angaben: Autoren/Titel/Zeitschrift/Nr./Jahr/Seiten/DOI)

Erin M. Kearns, Allison Betus, Anthony Lemieux/Why Do Some Terrorist Attacks Receive More Media Attention Than Others?/SSRN/5. März 2017/https://ssrn.com/abstract=2928138

Erin M. Kearns, Allison Betus and Anthony Lemieux, Yes, the media do underreport some terrorist attacks. Just not the ones most people think of. https://www.washingtonpost.com/news/monkey-cage/wp/2017/03/13/yes-the-media-do-underreport-some-terrorist-attacks-just-not-the-ones-most-people-think-of

Daniel Geschke, Jana Eyssel, Wolfgang Frindte/ Immer richtig informiert? –Zusammenhänge zwischen Fernsehkonsum und Islamophobie/ In Farid Hafez (Hrsg.), Jahrbuch für Islamophobieforschung, New Academic Press, Wien 2014/162-179

Charlie Beckett/Fanning the Flames: Reporting on Terror in a Networked World/22. September 2016/https://www.cjr.org/tow_center_reports/coverage_terrorism_social_media.php

Michelle Slone/Responses to Media Coverage of Terrorism/Journal of Conflict Resolution/44(4)/2000/508-522/10.1177/0022002700044004005

Sarah Oates/Comparing the Politics of Fear: The Role of Terrorism News in Election Campaigns in Russia, the United States and Britain/International Relations/20(4)/2006/425-437/10.1177/0047117806069404

Bertel T. Hansen, Søren D. Østergaard, Kim M. Sønderskov, Peter T. Dinesen/Increased Incidence Rate of Trauma- and Stressor-Related Disorders in Denmark After the September 11, 2001, Terrorist Attacks in the United States/American Journal of Epidemiology/184(7)/2016/494-500/10.1093/aje/kww089

Alison Holman, Dana Rose Garfin, Roxane Cohen Silver/Media’s role in broadcasting acute stress following the Boston Marathon bombings/PNAS/111(1)/2014/93-98/10.1073/pnas.1316265110

Sherry Towers, Andres Gomez-Lievano, Maryam Khan, Anuj Mubayi, Carlos Castillo-Chavez/Contagion in Mass Killings and School Shootings/PLoS ONE/10(7)/2015/10.1371/journal.pone.0117259

Außerdem:

„Transparenz ist das Gebot der Stunde“, Interview mit Bernhard Pörksen, https://www.ndr.de/kultur/Sollte-mehr-ueber-Positives-berichtet-werden,journal690.html

Bruce Hoffman, Inside Terrorism, Chapter One, http://www.nytimes.com/books/first/h/hoffman-terrorism.html

Jason Burke, How the changing media is changing terrorism, https://www.theguardian.com/world/2016/feb/25/how-changing-media-changing-terrorism

Scott Atran, Mindless terrorists? The truth about Isis is much worse, https://www.theguardian.com/commentisfree/2015/nov/15/terrorists-isis

Nicky Woolf, Fox News site embeds unedited Isis video showing brutal murder of Jordanian pilot, https://www.theguardian.com/media/2015/feb/04/fox-news-shows-isis-video-jordan-pilot

„Je fremder, desto schlimmer unsere Fantasien“, Interview mit Ortwin Renn, http://www.zeit.de/wissen/2017-02/sicherheit-deutschland-fluechtlinge-risikoforschung

Alexander Spencer, Terrorism and the Media,  http://www.ahrc.ac.uk/documents/project-reports-and-reviews/ahrc-public-policy-series/terrorism-and-the-media/

Interessante spätere Funde, die mit dem zu tun haben, was ich in meinem Artikel beschreibe:

– Zum Thema selbst ein vor Kurzem erschienener Beitrag von einer Expertin (Brigitte Nacos): London’s Latest Terrorist Attack: Another Example of Mass-Mediated Contagion of Political Violence

– Zu: Was ist Terrorismus und was nicht? (Fließende Übergänge): https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/may/25/neo-nazi-islamist-terror-narratives-upside-down

– Guter Rat für die Medien – und uns alle – von Mr. (Fred) Rogers: https://www.youtube.com/watch?v=-LGHtc_D328

– Metaphern beeinflussen das Handeln https://www.theatlantic.com/politics/archive/2017/06/the-blurry-line-between-violent-talk-and-violent-action/530367/?utm_source=nl-atlantic-daily-061417

– Die Polizei Oberbayern Süd schrieb auf Facebook über ein anderes Phänomen, bei dem die Berichterstattung zu Nachahmungen führt (Hervorhebungen von mir):

Eine angeblich hochgefährliche Internet-Challenge macht derzeit Schlagzeilen und das ist genau das Problem – Die Challenge bekommt gerade durch die massive Medienberichterstattung Aufwind und so werden vor allem Jugendliche darauf aufmerksam. Wie bei vielen Phänomenen ist die Berichterstattung ein zweischneidiges Schwert. Einerseits soll gewarnt werden, andererseits weckt gerade die dramatische Darstellung erst das Interesse an einem Phänomen.

In Deutschland sind derzeit nur vereinzelte Fälle bekannt, bei denen die sog. #BlueWhaleChallenge angeblich Auslöser für Selbstverletzungen gewesen sein soll.

Panikmache in sozialen Netzwerken oder auch im realen Leben bewirken erst, dass solche Challenges zum Hype und somit verbreitet werden. Wir raten daher dringend davon ab, entsprechende Meldungen unreflektiert zu teilen.

– Interview mit dem Wissenschaftler Michael Jetter: Is There a Link Between Mass-Media and Mass-Murder?

Über Terrorismus berichten – ohne den Schaden zu vergrößern

Das September-Heft von Psychologie Heute enthält meinen Artikel über die (Wechsel)Beziehung zwischen Terrorismus und den Medien, inkl. einem Interview mit dem Experten Robert Kahr. Der Titel: Terror ist gut fürs Geschäft.

Wie üblich enthält dieser erste Post zu dem Artikel die Outtakes, also die Passagen, die es aus Platzgründen nicht ins Heft geschafft haben. Dieses Mal sind es einige längere Passagen, die, wie ich finde, auch für sich lesenswert sind.

In einem zweiten Post verrate ich meine wichtigsten Quellen und gebe Hinweise auf Informationen (mit Links), die ich erst nach dem Schreiben gefunden habe.

Genug der Vorrede. Hier sind die Outtakes.

… Wenn wir mit Nachrichten über Gewalttaten bombardiert werden, glauben wir, dass diese häufiger vorkommen, als es der Realität entspricht. Erin Kearns von der Georgia State University wertete mit Kollegen Zeitungsartikel und solche von der Website des Senders CNN aus der Zeit von 2011 bis 2015 aus. Selbst wenn sie andere Faktoren berücksichtigten, wie die Anzahl der Todesfälle, wurde über Anschläge muslimischer Täter viermal so häufig berichtet wie über solche von anderen. Wenn jemand wie der Weiße Frazier Glenn Miller drei Menschen erschießt, weil er Juden töten will,  berichten die Medien sparsamer und bezeichnen ihn seltener als Terroristen. In den USA sind die meisten Medienschaffenden weiß und christlich und tendieren möglicherweise dazu, Mitglieder ihrer eigenen Gruppe positiver darzustellen als Menschen, die nicht dazu gehören, vermutet die Wissenschaftlerin. Denn „Ereignisse haben einen höheren Nachrichtenwert, wenn sie … sich so darstellen lassen, dass sie Vorurteile verstärken.“

In Deutschland berichteten die Privatsender RTL/Sat.1 (zumindest im Beobachtungszeitraum von Mitte 2007 bis Anfang 2009) stärker islamfeindlich als die öffentlich-rechtlichen ARD und ZDF. Personen, die Erstere bevorzugten, wurden mit der Zeit islamfeindlicher als solche, die hauptsächlich Letztere schauten. Gleichzeitig führte eine größere Abneigung gegenüber Muslimen dazu, dass Menschen sich vermehrt den Privatsendern zuwandten. Das Sehverhalten und die Vorurteile verstärkten sich also gegenseitig. Das fanden Wolfgang Frindte und seine Mitarbeiter von der Universität Jena heraus.

Nicht nur über die Auswahl entsprechender Themen, sondern auch über eine aufsehenerregende Darstellungsweise versuchen Medien, Käufer und Zuschauer anzulocken: Sondersendungen, Eil-Meldungen, sensationelle Berichte mit teils drastischen Bildern. Und das nicht nur bei Anschlägen hierzulande, sondern weltweit. Terror ist gut fürs Geschäft, könnte man zynisch feststellen. Gleichzeitig droht Konkurrenz durch die Sozialen Medien. Facebook, Twitter und Co., beziehungsweise ihre zahllosen Nutzer, sind fast immer schneller als jeder Journalist, denn sie verbreiten Fakten und Gerüchte gleichermaßen und ungeprüft. Auch dies erklärt vielleicht manche Auswüchse in der medialen Berichterstattung.

… Zeitungen und Fernsehsender konkurrieren häufig mit Fotos und Videos um unser Interesse. Seien es solche, die Überwachungskameras oder Passanten gemacht haben. Etwa von der Erschießung eines Polizisten vor dem Gebäude der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Seien es Videos, die von den Terrororganisationen selbst stammen. Ein Extrembeispiel ist ein gut 22-minütiger Propaganda-Film in arabischer Sprache, der mit der Verbrennung eines jordanischen Piloten endet und den der populäre amerikanische Fernsehsender Fox News seit 2015 auf seiner Website präsentiert. (Link: https://video.foxnews.com/v/4030583977001 zuletzt überprüft am 9.8.2017) Charlie Beckett von der Abteilung Medien und Kommunikation der London School of Economics war früher selbst BBC-Journalist. Er weist auf eine weitere Gefahr bei dieser Art der Berichterstattung hin. Die Terroristen könnten den Eindruck gewinnen: Um ihr Ziel zu erreichen, müssen sie immer noch eins draufsetzen, noch brutaler vorgehen, noch sensationellere Bilder liefern.

… Wie The Guardian berichtete, teilten zum Beispiel Twitter-Accounts von IS-Unterstützern das bereits erwähnte Video der Verbrennung des jordanischen Piloten, indem sie zur Website von Fox News verlinkten.

Das war’s. Ich habe schon vor Abgabe des Manuskripts eine ganze Menge gekürzt. Falls Interesse besteht, kann ich gerne auch noch einiges davon hier im Blog veröffentlichen. Dieses Interesse können Sie zum Beispiel unter den entsprechenden Posts bei Facebook und G+ bekunden 🙂

Der nächste Blogpost enthält erst einmal, wie gesagt, meine wichtigsten Quellen und weitere ergänzende Informationen.

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