Unordnung – Warum und wann ein bisschen Chaos uns guttut

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Wie im vorherigen Post versprochen, hier nun die wichtigsten Quellen zu meinem Psychologie-Heute-Artikel Schon in Ordnung!. sowie im Anschluss daran weitere interessante Funde zum Thema, die ich gemacht habe, als der Artikel schon fertig war.

Die wichtigsten Quellen:

Bücher:

Tim Harford, Messy The Power of Disorder to Transform Our Lives. Riverhead Books, New York 2016

Eric Abrahamson, David H. Freedman, Das perfekte Chaos: Warum unordentliche Menschen glücklicher und effizienter sind. Econ Verlag, Berlin 2007 (Schon älter, erscheint, soweit ich sehen kann, nicht mehr auf Deutsch, sondern nur noch auf Englisch und ich habe es kaum verwendet)

Wichtige Artikel:

(Reihenfolge der Angaben: Autoren/Titel/Zeitschrift/Nr./Jahr/Seiten/DOI)

Delphine Dion, Ouidade Sabri, Valérie Guillard/Home Sweet Messy Home: Managing Symbolic Pollution/Journal of Consumer Research/41/2014/565-589/10.1086/676922

Kathleen D. Vohs, Joseph P. Redden, Ryan Rahinel/ Physical Order Produces Healthy Choices, Generosity, and Conventionality, Whereas Disorder Produces Creativity/Psychological Science/24(9)/2013/1860-1867/10.1177/0956797613480186

Boyoun (Grace) Chae, (Juliet) Zhu/Environmental Disorder Leads to Self-Regulatory Failure/Journal of Consumer Research/40/2014/1203-1218/10.1086/674547

Daniel D. Sleator, Robert E. Tarjan/Amortized efficiency of list update and paging rules/ Communications of the ACM/28(2)/1985/202-208/10.1145/2786.2793 ((doi führt zum Journal, eine andere Angabe habe ich nicht gefunden))

Steve Whittaker, Julia Hirschberg/The character, value and management of personal paper archives/ACM Transactions on Computer-Human Interaction/8(2)/2001/150-170/ 10.1145/376929.376932

Steve Whittaker, Tara Matthews, Julian Cerruti, Hernan Badenes, John Tang/Am I wasting my time organizing email? A study of email refinding/CHI ’11 Proceedings of the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems/2011/3449-3458/10.1145/1978942.1979457

Alison Kidd/The Marks are on the Knowledge Worker/CHI ’94 Proceedings of the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems/1994/186-191/10.1145/191666.191740

Craig Knight, S. Alexander Haslam/The Relative Merits of Lean, Enriched, and Empowered Offices: An Experimental Examination of the Impact of Workspace Management Strategies on Well-Being and Productivity/Journal of Experimental Psychology: Applied/16(2)/2010/158-172/10.1037/a0019292

Sowie

Tralee Pearce/Good news: Living with messiness has its benefits/The Globe and Mail/ 2013 http://www.theglobeandmail.com/life/relationships/good-news-living-with-disorder-has-its-benefits/article12395131/?page=all (Interview mit Eric Abrahamson)

Brian Christian, Tom Griffiths/File that under ‘M’ for messy/The Guardian/2016 http://www.theguardian.com/lifeandstyle/2016/apr/17/file-that-under-m-for-messy-paperwork-solution

Tom Vanderbilt/The Traffic Guru/Wilson Quaterly/2008 http://archive.wilsonquarterly.com/essays/traffic-guru (Artikel über Hans Monderman)

Interessante spätere Funde, die mit dem zu tun haben, was ich in meinem Artikel beschreibe:

– Ms. Mann’s earliest photograph in the Gagosian exhibition focuses on Twombly’s tidy lineup of paints, brushes and stained cloths in a spartan linoleum-floored room. “I had no idea what level of misrule and chaos it would turn into,” she said. Over the sequence, the space becomes densely populated with Twombly’s secondhand finds, including a plastic flamingo and ceramic frog, and white plaster assemblage sculptures, bathed in hazy light filtering through the Venetian blinds. Aus: http://www.nytimes.com/2016/09/07/arts/design/sally-mann-cy-twombly-remembered-light.html?_r=0

Manchmal kann es auch starke äußere Anreize geben, radikal aufzuräumen:

Finally, under subpoena, Trump appeared for a short deposition. When asked about the missing documents, he made a shocking admission: The Trumps had been destroying their corporate records for the previous six months … in order to “save space,” Trump testified, officials with his company had been tossing documents into the shredder and garbage. Aus: http://europe.newsweek.com/donald-trump-companies-destroyed-emails-documents-515120

Der Autor Michael Bond:

„Paper is my problem. I have finished and unfinished stories all over the place. When I really want something – a particular page or a reference book – I can’t find it, so it doesn’t work incredibly well. I am running out of flat surfaces. It is ridiculous, really. And I am running out of space on my bookshelves – I have a lot of fat reference books everywhere and no space for anything new.“ Aus: https://www.theguardian.com/books/2016/dec/24/michael-bond-writing-day-paddington-bear

Über den Regisseur Chris Columbus:

On a white board behind the desk is a complicated-looking production schedule listing various projects at different stages of development … His cluttered desk is covered with DVDs, books and family photos. Aus: https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2013/apr/26/chris-columbus-childrens-novel-house-secrets

– Das Foto von Ray Bradburys Büro spricht für sich 🙂

Aus einem Artikel über den leider verstorbenen Hans Rosling:

I first met him in his messy, overloaded office at Uppsala University …

– Ein schönes Zitat von Elke Heidenreich:

Der Sinn des Lebens kann nicht sein, am Ende die Wohnung aufgeräumt zu hinterlassen, oder?

Unordnung – Ihr schlechter Ruf ist unbegründet

ph0217Das Februar-Heft von Psychologie Heute enthält meinen Artikel über Unordnung und warum sie manchmal durchaus nützlich ist. Bei der Recherche habe ich einiges gelernt, das mich doch sehr erleichtert hat 😉

Wie üblich enthält dieser erste Post zu dem Artikel die Outtakes, also die Passagen, die es aus Platzgründen nicht ins Heft geschafft haben.Was mir besonders bemerkenswert erscheint, habe ich gefettet.

In einem zweiten Post verrate ich meine wichtigsten Quellen und gebe Hinweise auf einige Zitate und Links, die ich erst nach dem Schreiben gefunden habe.

Genug der Vorrede. Hier sind die Outtakes:

Um zu zeigen, wie unrealistisch die in Hochglanzzeitschriften dargestellte Welt ist, erzählt Abrahamson in einem Interview mit der kanadischen Zeitung The Globe and Mail von dem Architekten, der zwei Apartments hatte: eines, in dem er lebte, und eines für Fotoaufnahmen.

… Vohs und ihre Kollegen entdeckten andererseits, dass Teilnehmer, die sich in einem ordentlichen Büro aufhielten, mehr Geld für einen wohltätigen Zweck spendeten und sich häufiger für gesündere Snacks entschieden (einen Apfel statt einen Schokoriegel). Grace Chae und Juliet Zhu von Universitäten in Vancouver und Peking zeigten außerdem, dass Probanden an einem unaufgeräumten Arbeitsplatz impulsiveres Kaufverhalten an den Tag legten, bei einem Reaktionstest langsamer waren und bei einer schwierigen Aufgabe weniger lange durchhielten als Personen, die sich in einer ordentlichen Umgebung befanden. Sie deuten ihre Ergebnisse so, dass Unordnung die Selbstkontrolle beeinträchtigt. Anders gewendet könnte man jedoch sagen: Impulsivität mag bei Routineaufgaben stören, fördert aber vermutlich den Einfallsreichtum.

… Das so genannte Messie-Syndrom, an das mancher beim Stichwort Unordnung denkt, zeichnet sich ebenfalls in erster Linie dadurch aus, dass die Betroffenen zwanghaft „Gegenstände mit fraglichem Nutzwert“ horten, wie es in Beschreibungen des Problems heißt.

Ordnungsliebende Menschen sortieren also oft voreilig Dinge ein, die sie nie wieder brauchen.

… (Manche von Dions Probanden reduzierten ihren Stress, indem sie nur grobe Einteilungen trafen, etwa „Werkzeug“ oder „Spielzeug“ als Oberbegriff für den Inhalt von Schränken oder Kisten verwendeten.)

Whittaker stellte im Zuge seiner Forschung übrigens fest: „Bei einigen Leuten findet das Archivieren nur statt, wenn sie Sekretariatsunterstützung erhalten.“ Könnte es sein, dass Chefs, die leere Schreibtische befürworten, dies auch deshalb tun, weil sie die Kosten des permanenten Ordnunghaltens (den Zeit- und Arbeitsaufwand) nie am eigenen Leib zu spüren bekommen?

Bei den zu Anfang erwähnten Studien von Vohs und Chae handelte es sich interessanterweise um von Fremden erzeugtes Durcheinander. Möglicherweise hätte sich eine von den Probanden selbst gestaltete Umgebung etwas anders ausgewirkt.

Ein gutes Beispiel dafür, wie segensreich es sein kann, wenn man Mitarbeitern jegliche Freiheit lässt, ist das vielleicht „kreativste“ Gebäude der Welt, das so genannte Building 20. Es befand sich jahrzehntelang auf dem Gelände des Massachusetts Institutes of Technology (MIT). Eine Reihe von späteren Nobelpreisträgern forschten dort, Amar Bose entwickelte seine Lautsprecher und Harold Edgerton (der Erfinder des Blitzlicht-Stroboskops) experimentierte mit Hochgeschwindigkeitsfotografie. Dabei war es im 2. Weltkrieg zur Erforschung von Radar und Ähnlichem hastig zusammengezimmert worden – nicht umsonst nannten es manche den Sperrholzpalast. Weil das Gebäude von der Universität vernachlässigt wurde, kümmerte es niemanden, wenn die Erfinder der Atomuhr kurzerhand mehrere Zwischendecken entfernten, die ihnen im Weg waren, oder wenn Physiker, ohne zu fragen, elektrische Leitungen dorthin verlegten, wo sie sie brauchten. Jerome Lettvin und Timothy Leary malten psychedelische Bilder auf die Wände, um die künstlerischen Auswirkungen von LSD zu studieren. Lettvin scherzte über das Gebäude: „Man könnte es als den Mutterleib des Instituts betrachten. Es ist irgendwie chaotisch, aber bei Gott, es ist fruchtbar!“

… Trotzdem mögen wir Unordnung nicht. Warum? Einerseits wirkt sie bisweilen geradezu unmoralisch oder wird so hingestellt und ist oft nicht schön anzusehen. Andererseits ist sie unter Umständen anstrengend und verunsichert. Anarchie auf den Straßen à la Monderman fühlt sich riskant an, auch wenn sie es nicht ist.

Ich habe schon vor Abgabe des Manuskripts eine ganze Menge gekürzt. Falls Interesse besteht, kann ich gerne auch noch einiges davon hier im Blog veröffentlichen. Dieses Interesse können Sie zum Beispiel unter den entsprechenden Posts bei Facebook und G+ bekunden 🙂

Der nächste Blogpost enthält erst einmal, wie gesagt, meine wichtigsten Quellen und weitere ergänzende Informationen.

Aha-Momente – Wie sie entstehen und wie wir sie herbeiführen können

Das Juli-Heft von Psychologie Heute enthält meinen Artikel Aha! Wenn der Groschen fällt. Als Journalistin und als Krimiautorin, kurz: als Kreative, bin ich auf gute Einfälle angewiesen. Deshalb war die Recherche zu diesem Artikel nicht nur interessant für mich, sondern auch besonders nützlich. Habe ich den bestenJob/die besten Jobs auf der Welt, oder was? 😉

Wie üblich enthält dieser erste Post zu dem Artikel die Outtakes, also die Passagen, die es aus Platzgründen nicht ins Heft geschafft haben. In einem zweiten Post verrate ich meine wichtigsten Quellen und gebe Hinweise auf einige Zitate und Links, die ich erst nach dem Schreiben gefunden habe.

Genug der Vorrede. Hier sind die Outtakes: Weiterlesen

Jetzt in Gänze online: Mein Artikel über Sinn und Nutzen des Spielens

Mein Artikel „Warum wir viel mehr spielen sollten“ aus dem Februar-Heft von Psychologie Heute, mehr dazu z. B. hier,  ist jetzt auch online zu finden. Und zwar auf der Website der Bielefelder Rußheideschule. Ganz legal, denn Psychologie Heute und ich haben der Veröffentlichung auf Anfrage von Dorothea Ruh zugestimmt.

Frau Ruh leitet das Projekt Lernen durch Spielen. Mehr über diese spannende Idee und ihre Verwirklichung können Sie auf der Website erfahren. Ein Besuch lohnt sich.

Und hier noch einmal ein Link zu der Seite, auf der Sie meinem Artikel (pdf) finden können. Viel Spaß beim Lesen!

Ach ja, Bonusmaterial zu diesem Artikel gibt es in diesen Posts:

Menschen, die ewigen Kinder: Warum Spielen für uns so wichtig ist (Teil 1)

und

Menschen, die ewigen Kinder: Warum Spielen für uns so wichtig ist (Teil 2).

Menschen, die ewigen Kinder: Warum Spielen für uns so wichtig ist (Teil 2)

Das aktuelle Heft von Psychologie Heute (2/14) enthält u. a. meinen Artikel Warum wir viel mehr spielen sollten. (Ergänzung vom 28.2.2014: Jetzt in Gänze online: Mein Artikel über Sinn und Nutzen des Spielens.)

Wie ich in meinem vorherigen Post angekündigt habe, nenne ich hier für Interessierte meine wichtigsten Quellen.

Los geht’s:

Genannte Bücher:
Stuart Brown, M.D., with Christopher Vaughan Play: How It Shapes the Brain, Opens the Imagination, and Invigorates the Soul
New York: Avery, 2009.
Arne Gillert, Der Spielfaktor – Warum wir besser arbeiten, wenn wir spielen. Heyne, München 2011
Sergio Pellis, Vivien Pellis, The Playful Brain – Venturing to the Limits of Neuroscience. Oneworld Publications, London 2009 (nicht so wichtig, weil v. a. über Tiere und sehr wissenschaftlich)

Zwei weitere, aktuelle Bücher:
Patrick Bateson, Paul Martin: Play, Playfulness, Creativity and Innovation. Cambridge University Press, Cambridge 2013
Peter Gray: Free to Learn: Why Unleashing the Instinct to Play Will Make Our Children Happier, More Self-Reliant, and Better Students for Life. Basic Books, New York 2013

Die wichtigsten Artikel:
Linda Stone, A More Resilient Species.
Bruno Bettelheim: The Importance of Play.
David Elkind: Can We Play?
When Work Is Play
Dort: Peter Gray: The Value of Play.
Leon Seltzer: http://www.psychologytoday.com/collections/201301/when-work-is-play/the-purpose-purposelessness
Peter Gray bei Psychology Today, speziell The Value of Play I-IV und Play Makes Us Human I-VI: http://www.psychologytoday.com/blog/freedom-learn?page=2
Peter Gray: The Decline of Play and the Rise of Psychopathology in Children and Adolescents.
BBC: Why do animals like to play?
John Cleese: Hare Brain, Tortoise Mind: An Excellent Combination
John Cleese – a lecture on Creativity: http://vimeo.com/18913413#at=0
Spinka M, Newberry RC, Bekoff M.: Mammalian play: training for the unexpected.
Jean Twenge (extensisch/intrinsisch) http://selfdeterminationtheory.org/SDT/documents/MMPIchangeCPR.pdf

Zitat von Pat Kane
Sein Buch The Play Ethic
Zitat von Roy Blount
Zitat/Geschichte von Richard Feynman: Surely you’re joking, Mr. Feynman, von Richard Feynman, S. 157-158

Menschen, die ewigen Kinder: Warum Spielen für uns so wichtig ist (Teil 1)

Das aktuelle Heft von Psychologie Heute (2/14) enthält u. a. meinen Artikel Warum wir viel mehr spielen sollten. (Ergänzung vom 28.2.2014: Jetzt in Gänze online: Mein Artikel über Sinn und Nutzen des Spielens.)

Wie ich es bereits in meinem vorherigen Blog gehandhabt habe, werde ich auch hier zu meinen Zeitschriften-Artikeln die Quellen veröffentlichen, s. der nächste Post (Teil 2).

Außerdem fallen erfahrungsmäß aus Platzgründen immer einige Passagen der Redakteurinnen-Schere zum Opfer. Diese Outtakes können Sie in diesem Post lesen.

Und schließlich noch ein Hinweis: Ich habe beim Schreiben dieses Artikels, wie so oft, auch für mich viel gelernt. Das ist kein Wunder, denn ich habe mir dieses Thema ausgesucht und der Redaktion angeboten. Eine wichtige Quelle war das Buch Play: How it Shapes the Brain, Opens the Imagination, and Invigorates the Soul von Stuart Brown, das ich sehr empfehlen kann.

Hier kommen die Outtakes:

 „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schrieb schon Friedrich Schiller. Auch Erwachsene dürfen und müssen spielen. Gemeint sind damit nicht so sehr Gesellschaftsspiele und Ähnliches, sondern vor allem eine spielerische Haltung. Diese hilft uns, in einer Welt zurechtzukommen, die sich ständig ändert, – und dabei Spaß zu haben.

Wer denkt beim Wort Spielen nicht gleich an Kinder? An Mädchen und Jungen, die selbstvergessen eine Sandburg bauen, laut brummend Modellautos hin und her schieben oder kreischend einem Ball nachjagen. Und denkt dabei zu kurz. Spiel, so der Psychiater Stuart Brown, ist nämlich ein „tiefgreifender biologischer Prozess“. Es ist im Laufe der Evolution entstanden und macht Tiere klüger und anpassungsfähiger. Bei höher entwickelten Tieren fördert es die Empathie und ermöglicht die Entstehung komplexer sozialer Gruppen, erklärt der Leiter des National Institute for Play in Carmel Valley, Kalifornien. Beim Menschen schließlich ist es für Kreativität und Innovation verantwortlich. „Play: How it Shapes the Brain, Opens the Imagination, and Invigorates the Soul“ (Spiel: Wie es das Gehirn formt, die Vorstellungskraft öffnet und die Seele stärkt) – so lautet der Titel, den Brown seinem Buch zu diesem Thema gab.

Peter Gray nennt ähnliche, aber nicht deckungsgleiche Charakteristika. Spiel, schreibt er,
– ist eine Aktivität, bei der die Mittel wichtiger sind als der Zweck,
– ist selbstgewählt und selbstbestimmt,
– wird um seiner selbst Willen getan (intrinsisch motiviert),
– besitzt eine Struktur oder Regeln, die nicht durch physikalische Gegebenheiten bestimmt sind, sondern aus dem Denken der Spieler entstehen,
– ist fantasievoll und in irgendeiner Weise dem „richtigen“ Leben enthoben,
– es beinhaltet einen aktiven, aufmerksamen, aber nicht gestressten Geisteszustand

… Wir spielen, weil es Spaß macht. Diese Eigenschaft betont auch die Definition des Duden. Spielen ist danach eine „Tätigkeit, die ohne bewussten Zweck zum Vergnügen, zur Entspannung, aus Freude an ihr selbst und an ihrem Resultat ausgeübt wird“.

Doch welche Aktivitäten genau sind Spiel und welche nicht? Kurz gesagt: Das kommt drauf an. Auf den Einzelnen und auf die Umstände.

Brown glaubt, dass die junggebliebenen, verspielten Gehirne es dem Menschen erlaubt haben, sich jeder Umgebung anzupassen und so die gesamte Erde zu besiedeln. Spielen, so meinen er und andere Experten, hält das Gehirn flexibel. Und das ist wichtig in einer sich ständig verändernden Welt. „Säugetierspiel: trainieren für das Unerwartete“ („Mammalian play: training for the unexpected“) hat Marc Bekoff, ein inzwischen emeritierter Professor für Evolutionsbiologie der University of Colorado in Boulder, einen Artikel überschrieben. Darin stellt er die Hypothese auf, dass vorübergehende Kontrollverluste im Spiel es Tieren ermöglichen, sowohl neue Bewegungsabläufe und Reaktionen einzuüben als auch zu trainieren, mit überraschenden stressreichen Situationen zurechtzukommen.

Der Zoologe John Byers von der University of Idaho in Moscow spekuliert noch allgemeiner, dass das Gehirn das Spielen benutzt, um Situationen zu simulieren und Reaktionen zu testen. „Wie kreieren wir diese ‚Simulationen‘?“, fragt Brown. „Durch Sport, physische Aktivitäten, Bücher, Geschichtenerzählen, Kunst, Filme und viel, viel mehr.“ Und das, was wir auf diese Weise lernen, lässt sich, so der Spiel-Experte, in anderen, neuen Kontexten nutzen. Kinder verbringen offensichtlich einen großen Teil ihrer Zeit mit „Simulationen“ und „Tests“. Und da wir Menschen ein Leben lang lernen, sind und bleiben wir verspielt.

Nicht nur auf Kinder wirkt das Fehlen spielerischer Leichtigkeit niederdrückend, sondern auch auf Erwachsene. Ginge es nach Stuart Brown, so würde es ebenso als Alarmzeichen gelten wie Atemlosigkeit beim Treppensteigen oder hoher Blutdruck. Spielen reduziert Stress.

Eine besonders schöne Geschichte erzählt Richard Feynman in seinem Buch „Surely You’re Joking, Mr. Feynman: Adventures of a Curious Character“ (deutsche Ausgabe: „Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!: Abenteuer eines neugierigen Physikers“). Er berichtet von einer Zeit, in der er die Freude an der Physik verloren hatte. Um sie zurückzugewinnen, beschloss er, wieder wie früher das zu tun, wonach ihm gerade war. In der Cafeteria sah er, wie jemand mit einem Teller herumalberte und diesen in die Ludt warf – und begann, sich mit der Bewegung dieser rotierenden Scheibe zu beschäftigen. Er erinnert sich, dass er einem anderen berühmten Wissenschaftler, Hans Bethe, seine ersten Berechnungen zeigte und dieser antwortete: „Das ist ja ganz interessant, aber was ist die Bedeutung?“ Darauf Feynman: „Es gibt keinerlei Bedeutung. Ich mache das nur zum Spaß.“ Er schreibt weiter: „Es war einfach, mit diesen Dingen zu spielen. … Was ich tat hatte keinerlei Bedeutung, aber letztlich dann doch. Die Diagramme und die ganze Angelegenheit für die ich den Nobelpreis bekam, entstand aus dem Herumtüfteln mit dem eiernden Teller.“ (Übersetzungen von mir)

Nun ist nicht jeder Beruf ein Sprungbrett zu einem späteren Nobelpreis und nur wenige Menschen können ihr Geld damit verdienen, bei der Arbeit in der Fantasie Räuber und Gendarm zu spielen und das, was ihnen dabei einfällt, aufzuschreiben. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, heißt es schließlich. Andererseits wissen vermutlich die meisten aus eigener Erfahrung, dass diese beiden Dinge sich nicht grundsätzlich ausschließen.

Stuart Brown glaubt übrigens, dass Brainstorming nur funktioniert, wenn es wahrhaft spielerisch geschieht. Um Teilnehmer in eine entsprechende Stimmung zu versetzen, lässt er sie vorher etwas wie Twister spielen, denn nach seiner Erfahrung eignet sich Bewegung besonders gut, Menschen in Spiellaune zu bringen.

Das Internet lebt in vielerlei Hinsicht geradezu davon, dass Arbeit Spaß macht. Darauf weist der Holländer Arne Gillert in seinem Buch „Der Spielfaktor – Warum wir besser arbeiten, wenn wir spielen“ hin. Unzählige Menschen engagieren sich dort ohne Bezahlung, verfassen Beiträge für Wikipedia, programmieren und optimieren Software, schreiben und veröffentlichen Geschichten und vieles mehr.

Wie sehr man den eigenen Beruf als Spiel empfindet, kann man testen, indem man sich fragt: „Wenn ich dieselbe Bezahlung bekäme und dieselbe Aussicht auf künftigen Verdienst hätte, dieselbe Achtung von anderen Menschen erhielte und dasselbe Gefühl hätte, etwas Gutes für die Welt zu tun, indem ich nicht in meinem Job arbeite, würde ich aufhören?“ Wer diese Gelegenheit sofort ergreifen würde, der spielt nicht bei der Arbeit, meint Peter Gray. Wer jedoch nur ungern auf seinen Job verzichten würde oder auf keinen Fall etwas ändern möchte – der arbeitet nicht nur für äußere Belohnungen, der hat auch Spaß daran.

Ich denke die Art und Vielzahl der Outtakes machen deutlich, wie sehr das Thema mich begeistert hat 😉

Ergänzung vom 21.3.2017: Hier ein aktueller Artikel darüber, dass und wie Tiere spielen: The Parrot With a Call as Infectious as Laughter.