Sinn: Wichtiger als Glück

Wie im vorherigen Post versprochen, hier nun die wichtigsten Quellen zu meinem Psychologie-Heute-Artikel Besser als Glück.

Im Anschluss daran weitere interessante Funde zum Thema, die ich gemacht habe, als der Artikel schon fertig war.

Die wichtigsten Quellen:

Bücher:

Emily Esfahani Smith, The Power of Meaning: Crafting a Life That Matters. Crown, New York 2017

Tatjana Schnell, Psychologie des Lebenssinns. Springer-Verlag, Heidelberg 2016

Paul Dolan, Absichtlich glücklich: Wie unser Tun das Fühlen verändert. Pattloch Verlag, München 2015

Viktor E. Frankl, … trotzdem Ja zum Leben sagen – Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Kösel-Verlag, München 2009

Viktor E. Frankl, Dem Leben Antwort geben: Autobiografie. Beltz Verlag, Weinheim 2017 (In Bezug auf das Thema des Artikels allerdings weniger interessant  als „… trotzdem Ja zum Leben sagen“)

Wichtige Artikel:

(Reihenfolge der Angaben: Autoren/Titel/Zeitschrift/Nr./Jahr/Seiten/DOI)

Shigehiro Oishi, Ed Diener/Residents of poor nations have a greater sense of meaning in life than residents of wealthy nations/Psychological Science/25/2014/422-430/10.1177/0956797613507286

Roy F. Baumeister, Kathleen D. Vohs, Jennifer L. Aaker, Emily N. Garbinsky/Some key differences between a happy life and a meaningful life/The Journal of Positive Psychology/8(6)/2013/505-516/10.1080/17439760.2013.830764

Thomas Hansen/ Parenthood and Happiness: A Review of Folk Theories Versus Empirical Evidence/Social Indicators Research/108(1)/2012/29–64/10.1007/s11205-011-9865-y

James L. Abelson,, Thane M. Erickson, Stefanie E. Mayer, Jennifer Crocker, Hedieh Briggs, Nestor L. Lopez-Duran, and Israel Liberzon/ Brief cognitive intervention can modulate neuroendocrine stress responses to the Trier Social Stress Test: Buffering effects of a compassionate goal orientation/ Psychoneuroendocrinology/44/2014/60-70/10.1016/j.psyneuen.2014.02.016

Barbara L. Fredrickson, Karen M. Grewen, Kimberly A. Coffey, Sara B. Algoe, Ann M. Firestine/A functional genomic perspective on human well-being/110(33)/2013/13684–13689/10.1073/pnas.1305419110

Anthony L. Burrow, Nicolette Rainone/How many likes did I get?: Purpose moderates links between positive social media feedback and self-esteem/Journal of Experimental Social Psychology/69/2017/232–236/10.1016/j.jesp.2016.09.005

Patrick L. Hill, Nicholas A. Turiano, Daniel K. Mroczek, Anthony L. Burrow/The value of a purposeful life: Sense of purpose predicts greater income and net worth/Journal of Research in Personality/65/2016/38-42/10.1016/j.jrp.2016.07.003

Jean M. Twenge, Kathleen R. Catanese, Roy F. Baumeister/Social Exclusion and the Deconstructed State: Time Perception, Meaninglessness, Lethargy, Lack of Emotion, and Self-Awareness/Journal of Personality and Social Psychology/85(3)/2003/409-423/10.1037/0022-3514.85.3.409

Nathaniel M. Lambert, Tyler F. Stillman, Joshua A. Hicks, Shanmukh Kamble, Roy F. Baumeister, Frank D. Fincham/To Belong Is to Matter: Sense of Belonging Enhances Meaning in Life/Personality and Social Psychology Bulletin/39(11)/2013/1418–1427/10.1177/0146167213499186

John Paul Stephens, Emily Heaphy, Jane E. Dutton/High-quality Connections/Oxford Handbooks Online//10.1093/oxfordhb/9780199734610.013.0029

Jane Dutton/Fostering High-Quality Connections/Stanford Social Innovation Review/2003/https://ssir.org/articles/entry/fostering_high_quality_connections

Universität Zürich/VIA-IS – Informationen zur Interpretation Ihrer Ergebnisse/ http://www.charakterstaerken.org/VIA_Interpretationshilfe.pdf, Selbsttest Charakterstärken: http://www.charakterstaerken.org

David Scott Yeager, Matthew J. Bundick/ The Role of Purposeful Work Goals in Promoting Meaning in Life and in Schoolwork During Adolescence/Journal of Adolescent Research/24(4)/2009/423–452/10.1177/0743558409336749

Jack J. Bauer, Dan P. McAdams, Jennifer L. Pals/Narrative identity and eudaimonic well-being/Journal of Happiness Studies/9(1)/2008/81–104/10.1007/s10902-006-9021-6

Laura J. Kray, Linda G. George, Katie A. Liljenquist, Adam D. Galinsky, Philip E. Tetlock, Neal J. Roese/From what might have been to what must have been: Counterfactual thinking creates meaning/ Journal of Personality and Social Psychology/98(1)/2010/106-118/10.1037/a0017905

Für den Kasten

Patrick Cook-Deegan/Redesigning American High Schools for the 21st Century/ Stanford Social Innovation Review/2016/https://ssir.org/articles/entry/re_designing_american_high_schools_for_the_21st_century

Markus H. Schafer, Laura Upenieks/The Age-Graded Nature of Advice/Social Psychology Quarterly/79(1)/2016/22-43/10.1177/0190272516628297

Außerdem:

Interview von Marie Forleo mit Cheryl Strayed: https://www.youtube.com/watch?v=oINfXbPsVqM
 

Interessante spätere Funde, die mit dem zu tun haben, was ich in meinem Artikel beschreibe:

– Brad Stulberg: Your Job Can’t Be the Only Meaningful Thing in Your Life

– eine weitere Studie:

Updegraff, John A.; Silver, Roxane Cohen; Holman, E. Alison, Searching for and finding meaning in collective trauma: Results from a national longitudinal study of the 9/11 terrorist attacks. Abstract: http://psycnet.apa.org/psycinfo/2008-11108-015 ges. Veröffentlichung: https://webfiles.uci.edu/rsilver/Updegraff%20et%20al.%20JPSP%202008.pdf

– Kameron Hurley: The Mission-Driven Writing Career

Besser als Glück: Bedeutung

Das Juli-Heft von Psychologie Heute enthält meinen Artikel darüber, warum ein bedeutungsvolles Leben besser für uns ist und sich auf eine tiefere Weise gut anfühlt als eines, das sich durch ungetrübtes Wohlbefinden auszeichnet. Der Titel: Besser als Glück.

Wie üblich enthält dieser erste Post zu dem Artikel die Outtakes, also die Passagen, die es aus Platzgründen nicht ins Heft geschafft haben. Ich fand das Thema so faszinierend, dass es dieses Mal ziemlich viele Textstücke waren. Was mir besonders bemerkenswert erscheint, habe ich gefettet.

In einem zweiten Post verrate ich meine wichtigsten Quellen und gebe Hinweise auf Informationen (mit Links), die ich erst nach dem Schreiben gefunden habe.

Genug der Vorrede. Hier sind die Outtakes.

Erstens aus dem eigentlichen Artikel:

Glückliche Menschen waren eher „Nehmer“, sinnerfüllte eher „Geber“. Jemand, der gerade Klatschzeitschriften liest oder fernsieht, würde also bei einer Befragung vermutlich erklären, sich gut zu fühlen.

Die Bestseller-Autorin Cheryl Strayed sagte in einem Interview: „All die besten Dinge in meinem Leben, sind gleichzeitig unglaublich schwierig. Eine Mutter zu sein, eine Ehefrau, eine Autorin … Es ist nicht alles nur Freude, Regenbögen und Einhörner.“

… dass die meisten Untersuchungen nahelegen, dass Menschen ohne eigenen Nachwuchs „besser dran“ sind. Das gilt besonders, wenn die Kinder noch zu Hause leben, und für Frauen, Alleinerziehende, Menschen mit wenig Geld und in Gesellschaften, wo das Kinderhaben nicht mehr als so zentral angesehen wird. Auch Paul Dolan schreibt: „Als ich mich vor zehn Jahren mit dem Gedanken an eigene Kinder befasste, hätte ich mich auf der Grundlage der Glücksforschung eigentlich dagegen entscheiden müssen.“ Warum möchten es trotzdem so viele Menschen nicht missen, Eltern zu sein? Hansen zitiert Baumeister, der meinte, dass dies zwar eine wenig geeignete Strategie sei, um Glück zu finden, jedoch eine hervorragende, um dem Leben Sinn zu geben. Paul Dolan bestätigt das. Gemeinsam mit seiner Frau Les hat er inzwischen eine Tochter und einen Sohn. „Sie machen uns ein bisschen Freude, viele Sorgen und geben uns eine Riesendosis Sinnhaftigkeit.“

… Die Bedeutung, die Menschen ihrem Leben beimessen, bietet, wie bereits erwähnt, einen gewissen Schutz vor Selbsttötungen. Der Philosoph Friedrich Nietzsche drückte das so aus: „Hat man sein Warum des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem Wie.“

… Anthony Burrow und Nicolette Rainone vermuten, dass diese Menschen die Zukunft und ihre Ziele im Blick behalten und deshalb weniger impulsiv auf solche Belohnungen [Likes bei Facebook] reagieren.

Wenn wir in dem, was wir tun, einen Sinn sehen, ermöglicht uns dies außerdem, aus unserer eigenen Haut herauszuschlüpfen – zumindest zeitweise. Das hat der Psychologe Brian Little von der Cambridge University beobachtet. Gerne erzählt er davon, wie es ihm, einem eingefleischten Introvertierten, immer wieder gelingt, lebendige Vorlesungen und Vorträge zu halten, sich also ausgesprochen extrovertiert zu geben. Wenn wir ein Projekt vorantreiben wollen, das uns wichtig ist, können wir, so Little, durchaus anders handeln, als es unserer Persönlichkeit entspricht.

Eine zentrale Komponente von Bedeutung, ein Lebenszweck, also übergeordnete Ziele, ist möglicherweise sogar gut für den Geldbeutel. Patrick Hill von der Carleton University in Ottawa, Kanada, wertete Daten einer amerikanischen Langzeitstudie aus. Als zielstrebig galt, wer der Aussage „Manche Menschen wandern ziellos durchs Leben, aber ich gehöre nicht dazu“ stark zustimmte und andererseits zum Beispiel diese Aussage stark ablehnte: „Ich lebe in den Tag hinein und denke nicht wirklich über die Zukunft nach.“ Diese Menschen hatten bereits zu Beginn der Befragung ein höheres Einkommen und mehr Ersparnisse. Circa neun Jahre später lag ihr durchschnittlicher Jahresverdienst um 4500 US-Dollar höher als bei den weniger zielstrebigen Vergleichspersonen und das Vermögen um 21000. Dabei hatten die Forscher bereits verschiedene Faktoren wie die besseren Startbedingungen herausgerechnet. ((Der Effekt machte sich übrigens hauptsächlich bei Menschen bis zu 35 Jahren bemerkbar, also zu Beginn der beruflichen Karriere.

… Trotzdem gibt es natürlich nach wie vor Menschen, die in ihrem Leben und in dem, was sie tun, einen Sinn sehen. Können bestimmte Eigenschaften oder andere Faktoren dies begünstigen? Auf diese Frage hat Tatjana Schnell in ihrer eigenen Forschung und der von anderen einige Antworten gefunden. Zwischen Männern und Frauen gibt es anscheinend keinen Unterschied in Bezug auf die erlebte Sinnerfüllung. Diese steigt zwar ein wenig mit zunehmendem Alter, jedoch ist die Bandbreite sehr groß. Das heißt, in jedem Alter gibt es Menschen, die ihr Leben als sehr bedeutungsvoll erleben, und andere, bei denen das weniger der Fall ist. Zum Thema Persönlichkeit schreibt die Wissenschaftlerin, „dass es für selbstkontrollierte, optimistische, gesellige, freundliche, wissbegierige und experimentierfreudige Menschen etwas leichter ist, ein sinnvolles Leben zu führen“. Vererbung spielt vermutlich keine große Rolle. Zumindest sprechen die wenigen Ergebnisse, die es gibt, dagegen.

dass ein Gefühl der Zugehörigkeit dazu führt, dass das Leben für uns einen Sinn hat. Als Erstes denken viele dabei vermutlich an die Familie. Zu Recht. Menschen mit Kindern empfinden ihr Leben als bedeutungsvoller als Kinderlose. Darüber hinaus berichtet Schnell, dass die Sinnerfüllung bei Verheirateten höher ist als bei Singles und als bei Personen, die zwar in einer Partnerschaft leben, aber nicht verheiratet sind. Bei Eltern verschwand der Unterschied zwischen solchen, die verheiratet oder unverheiratet zusammenlebten, übrigens.

Bei diesen Forschungsergebnissen sollte man allerdings im Hinterkopf behalten: Meist handelt es sich um Befragungen zu einem bestimmten Zeitpunkt und nicht um Langzeituntersuchungen. Die Daten eignen sich also nicht dazu festzustellen, was zuerst da war: Huhn oder Ei. Oder in diesem Fall: Ehe/Kinder oder Sinnerfüllung. Die bereits erwähnte Studie von Baumeister und Lambert ist eine Ausnahme. Sie demonstrierte, dass Zugehörigkeit Bedeutung hervorruft. Darauf, dass Menschen, die ihr Leben als sinnvoller empfinden, eher heiraten als andere, gibt es andererseits ebenfalls Hinweise. Schließlich können die Ursache-Wirkungsbeziehungen auch als Wechselwirkung in beide Richtungen verlaufen. Olga Stavrova von der Tilburg University und Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum fanden heraus, dass dies bei der Zugehörigkeit zu größeren Gruppen der Fall ist, etwa wenn man sich ehrenamtlich engagiert. Diese kollektive Verbundenheit (collective connectedness) ist einerseits wahrscheinlicher, wenn man sein Leben als bedeutungsvoll empfindet, trägt aber selbst auch wiederum zur Sinnerfüllung bei.

Mitglieder des Reinigungspersonals in einem Krankenhaus zum Beispiel empfanden ihre Arbeit als sinnerfüllter und befriedigender, wenn Patienten respektvoll mit ihnen sprachen.

Doch wie erkennt man seinen Lebenszweck? Forscher haben gezeigt, dass Menschen, die ihre besonderen Stärken in ihrem Beruf anwenden können, mehr Sinn in ihrer Arbeit finden (und auch mehr leisten). Wissenschaftler kennen insgesamt 24 davon, die sie mit einem speziellen Fragebogen (VIA-IS, Inventory of Strengths des Values-In-Action Institutes) erfassen (s. Website der Universität Zürich für einen Test zum Selbermachen: http://www.charakterstaerken.org) ((falls Sie das hier oder bei den Quellen online erwähnen möchten)). Jeder besitzt vermutlich zwischen drei und sieben sogenannte Signaturstärken, etwa Kreativität, Freundlichkeit, Führungsvermögen, Vorsicht, Sinn für das Schöne. Je mehr davon man in einem Job einbringen kann, desto mehr empfindet man ihn als Berufung und als sinnvoll. Allerdings kann nur jeder Dritte auf Anhieb seine speziellen Fähigkeiten nennen.

Natürlich ist die Verwirklichung einer Berufung nicht auf die Arbeitswelt beschränkt. Viele Eltern sehen in ihren Kindern eine wichtige Aufgabe. Wir können entsprechende Hobbys wählen oder uns ehrenamtlich engagieren.

… ((zum Punkt: Sinn herstellen durch Geschichtenerzählen)) so,dass wir das Gute im Schlechten erkennen und das Positive, das zum Beispiel aus einem traumatischen Ereignis entstanden ist. Nichts versinnbildlicht dies besser als das Schicksal des österreichischen Psychiaters Viktor Frankl, der selbst im Konzentrationslager Schreckliches mitgemacht hatte und dessen Eltern, Bruder und Ehefrau umgekommen waren. Zurück in Wien diktierte er Stenotypistinnen in nur neun Tagen das Buch, das unter dem Titel „Man’s Search for Meaning“ in den USA zu einem Riesenerfolg wurde, und schrieb sich damit das Erlebte, wie er in seiner Autobiografie berichtet, „von der Seele“. Dieses Buch, auf Deutsch in etwas anderer Form unter dem Titel „… trotzdem Ja zum Leben sagen – Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ erhältlich, hat wiederum unzähligen Menschen geholfen. Für den österreichischen Neurologen und Holocaust-Überlebenden selbst, so schreibt er in seiner Autobiografie, bestand der Sinn seines Lebens darin, anderen zu helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu sehen.

Ein Trick, bestimmten Geschehnissen eine Bedeutung zu geben, kann kontrafaktisches, also den Tatsachen widersprechendes Denken (counterfactual thinking) sein. Wenn wir uns vorstellen, was passiert wäre, wenn wir eine bestimmte Entscheidung nicht getroffen hätten – nicht diese bestimmte Stelle angenommen hätten, nicht unseren Partner geheiratet hätten und so weiter – , dann erscheint uns die tatsächliche Richtung, die wir eingeschlagen haben, paradoxerweise geradezu zwangsläufig und damit sinnvoll. Das haben Laura Kray von der University of California, Berkeley, und andere mit Hilfe mehrerer Experimente gezeigt.

… ((Sinn durch Transzendenz)) „Heilige Orte finde ich in der Natur, vor allem alte Kultstätten. Oder auch Kirchen …  oder Tempel und Ähnliches anderer Religionen.“ So zitiert Tatjana Schnell in ihrem Buch eine Person, die Sinn über Spiritualität erfährt. Jemand anderes wählt den Weg der Naturverbundenheit. „Es gibt mir das Gefühl, ein Teil eines größeren Ganzen zu sein. Zufriedenheit, Freude, Glücklichsein und Ruhe.“

Viktor Frankl stellt in einem Postskriptum zu seinem Buch „Man’s Search for Meaning“ fest: „Glück kann man nicht verfolgen; es muss erfolgen. Man muss einen Grund haben, ‚glücklich zu sein‘. Ist der Grund jedoch gefunden, so wird man automatisch glücklich.“

Zweitens aus dem Textkasten „Dem Leben Bedeutung geben“:

Weiterführende Schulen, so seine Überzeugung, sollten jungen Menschen als Startrampe in ein bedeutungsvolles Leben dienen. Doch gerade in dieser Beziehung versagten sie. 

Mitarbeiter, die einen Sinn in ihrer Arbeit sehen, sind engagiert, was auch für das Unternehmen gut ist. (Andererseits trifft das in Deutschland laut Daten des Meinungsforschungsinstituts Gallup auf die meisten Beschäftigten nicht zu.) John Mackey und Raj Sisodia sind der Ansicht, dass Unternehmen selbst einem höheren Zweck dienen sollten. Mackey erklärt das in einem Interview mit der Zeitschrift Harvard Business Review so: „Wenn man fragt, was die Aufgabe eines Arztes ist, sagt niemand …, den Profit zu maximieren. … Die Aufgabe von Ärzten ist offensichtlich, Menschen zu heilen.“  Ähnlich verhalte es sich mit Lehrern, Journalisten, Architekten und so weiter. Mackey ist einer der beiden Leiter von Whole Foods, einer erfolgreichen amerikanischen Kette von Biosupermärkten. Ihr Zweck: Menschen zu helfen, gesünder zu leben. Kapitalismus mit Bewusstsein (conscious capitalism), wie Mackey und der Wirtschaftswissenschaftler Sisodia ihr Modell nennen, nützt, so ihre Erfahrung, den Mitarbeitern, den Kunden und letztlich auch der Bilanz.

Ich habe schon vor Abgabe des Manuskripts eine ganze Menge gekürzt. Falls Interesse besteht, kann ich gerne auch noch einiges davon hier im Blog veröffentlichen. Dieses Interesse können Sie zum Beispiel unter den entsprechenden Posts bei Facebook und G+ bekunden 🙂

Der nächste Blogpost enthält erst einmal, wie gesagt, meine wichtigsten Quellen und weitere ergänzende Informationen.

Eltern sind gesünder

Eine Reihe von Studien weisen darauf hin, dass Eltern gesundheitlich besser dastehen als Menschen ohne Kinder. Auch wenn man das manchmal bei all dem Schlafmangel, dem Stress und den großen und kleinen Sorgen nicht glauben mag. Ganz abgesehen davon, was die lieben Kleinen an Krankheitserregern so alles ins Haus schleppen.

Der folgende Beitrag ist übrigens vor etwa einem Jahr bereits in  etwas anderer Form bei Spiegel Online erschienen. Unter dem Titel Eltern im Vorteil: Kinder machen gesund und verlängern das Leben. Alles begann, als ich eine Pressemitteilung mit der Überschrift Got Kids? Then You’re Less Likely to Catch a Cold las und mir anschließend die zugehörige Veröffentlichung anschaute: Parenthood and Host Resistance to the Common Cold.

Falls Sie sich fragen, wie ich es schaffe, Veröffentlichungen, die ich hier im Blog zitiere, in Gänze zu lesen, obwohl die Links nur zu den Zusammenfassungen/Abstracts führen: Nein, ich gebe nicht Unsummen für Artikel hinter Paywalls aus. Ich schicke einem oder einer der AutorInnen ein E-Mail mit der Bitte um das Paper (und erwähne dabei, dass ich Journalistin bin) und die senden es mir freundlicherweise in der Regel innerhalb von 24 Stunden per E-Mail zu. (Hier endet der Blick hinter die Kulissen.)

Ich las jedenfalls die Texte über die vor Erkältungen besser geschützten Eltern und meine Neugier war geweckt. Sind Väter und Mütter tatsächlich weniger anfällig für Krankheiten, und wenn ja, warum? Das sind die Ergebnisse meiner Recherche (sprich: der Artikel in seiner ursprünglichen Form):

Wer Kinder hat, lebt länger und ist weniger anfällig für bestimmte Krankheiten als Menschen ohne Nachwuchs. Das zeigen einige Studien aus den letzten Jahren. Warum das so ist, darüber können Forscher bisher nur Vermutungen anstellen.

Wer im Internet sucht, findet jede Menge Informationen darüber, welchen Einfluss Eltern auf das Wohlbefinden ihrer Kinder haben. Doch wie wirken sich die Sprösslinge auf die Gesundheit der Mütter und Väter aus? Darüber weiß die Wissenschaft offenbar wenig, wenn man die Suchergebnisse im weltweiten Netz als Maß nimmt.

Seltener Schnupfen

Einige Forscher haben inzwischen begonnen, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Eine amerikanische Studie ergab beispielsweise,  dass Menschen mit Kindern nur halb so anfällig für Erkältungen sind wie solche ohne. Rodlescia Sneed von der Carnegie Mellon University und ihre Kollegen verabreichten dafür knapp 800 Personen per Nasentropfen Erkältungsviren. Etwa drei Viertel aller Teilnehmer infizierten sich, Eltern und Kinderlose gleichermaßen. Knapp ein Drittel der Probanden entwickelte Schnupfensymptome. Allerdings betrug das Risiko für Menschen mit ein oder zwei Kindern nur 52 Prozent desjenigen von Kinderlosen. Bei Personen mit drei oder mehr Kindern sank es sogar auf 39 Prozent.

Väter und Mütter erkrankten seltener, unabhängig davon, ob ihre Kinder noch zu Hause wohnten oder nicht. Hatte der Nachwuchs das Nest verlassen, betrug das Risiko der Betreffenden sogar nur ein Viertel dessen von Kinderlosen. Waren Eltern vielleicht besser geschützt, weil sie zuvor zwangsläufig häufiger mit Erkältungsviren in Kontakt kamen? Das konnten die Forscher durch Tests ausschließen. Sie vermuten, dass Elternsein die Psyche oder das Verhalten positiv beeinflusst.

Weniger Herz-Kreislauf-Probleme

Kinder wirken sich auch günstig auf den Blutdruck aus, so eine Studie aus dem Jahr 2009,  – allerdings nur bei Müttern, nicht bei Vätern. Knapp 200 Teilnehmer zwischen 20 und 68 Jahren trugen ein Messgerät am Körper, das den Blutdruck über 24 Stunden aufzeichnete. Die Blutdruckdifferenz zwischen Frauen mit Kindern und ohne betrug beim systolischen (dem höheren) Wert 12 Punkte und beim diastolischen 7 Punkte. Das Alter der Kinder spielte keine Rolle.

Doch warum wirkt Nachwuchs bei Frauen sozusagen blutdrucksenkend? Julianne Holt-Lunstad von der Brigham Young University in Provo, Utah, und ihre Co-Autoren vermuten, dass je nach Alter der Kinder unterschiedliche Mechanismen am Werk sind, und zitieren dieses Beispiel:  Der Blutdruck stillender Mütter, die eine stressreiche Aufgabe vor sich hatten (sprich einen Vortrag), stieg weniger an, wenn sie zuvor zehn Minuten lang ihr Baby im Arm hielten. Mütter kleiner Kinder könnten also vom häufigen Körperkontakt profitieren. Bei Schulkindern seien sie vielleicht in ein ausgedehntes soziales Netz eingebunden und erwachsene Kinder könnten selbst soziale Unterstützung bieten.

„Im Alltag kann es zwar mühsam sein, sich um Kinder zu kümmern“, sagt Holt-Lunstad, „es hat sich jedoch gezeigt, dass, wenn man stressigen Lebensbedingungen ein Gefühl von Sinn und Bedeutung abgewinnt, dies mit besseren gesundheitlichen Ergebnissen verbunden ist.“

Für Väter wiederum ist das Risiko, an einer Herzkreislauf-Krankheit zu sterben geringer als für andere Männer. Das haben amerikanische Forscher kürzlich entdeckt. Zwei Kinder oder mehr vermittelten den größten Schutz.

Längeres Leben

Insgesamt dürfen Eltern sich offenbar über eine höhere Lebenserwartung freuen, wie eine Auswertung der Daten sämtlicher Norwegerinnen und Norweger ergab, die zwischen 1935 und 1958 geboren wurden. Danach war die Wahrscheinlichkeit, im Alter zwischen 45 und 68 Jahren zu sterben (den Forschern standen Daten bis 2003 zur Verfügung), bei Kinderlosen deutlich höher als bei Personen mit zwei Kindern (bei Frauen um 50 Prozent, bei Männern um 35 Prozent). Das Sterberisiko von Eltern mit einem Kind lag dazwischen.

Mehr als zwei Kinder zu haben, war speziell für Mütter noch günstiger. Es ist bekannt, dass Frauen, die Kinder geboren haben, seltener an Brustkrebs erkranken. Aber selbst wenn die Forscher solche Todesfälle außen vor ließen, blieb der Effekt, dass Mütter länger leben als kinderlose Frauen, erhalten.

Warum sind Eltern gesünder?

Vielleicht, so spekulieren die Autoren, veranlasst die Geburt von Nachwuchs die Erwachsenen, auf gesundheitsschädliches Verhalten zu verzichten. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Apothekenmagazins Baby und Familie scheint das zu bestätigen. Dort gaben 44 Prozent der Mütter und Väter an, stärker auf eine gesunde Ernährung zu achten als in der Zeit, bevor sie Kinder hatten. Selbstauskünfte sind allerdings so eine Sache. Wer gibt schon gerne zu, sich nicht vorbildlich um den Nachwuchs zu kümmern?

Um die Psyche von Eltern ist es zwar weniger gut bestellt, wie man in dem Artikel der Erkältungforscher nachlesen kann. Sie sind weniger zufrieden und tendieren mehr zu Depressionen, Ängsten und Ärger als Kinderlose.  Allerdings  nehmen sie sich seltener das Leben.

Dass Elternschaft zumindest die körperliche Gesundheit fördert, liegt nicht an der Ehe als solcher, die, wie man weiß, dem Menschen ebenfalls guttut. Das haben einige der Forscher überprüft.  Vielleicht gilt der positive Effekt jedoch nur für Personen in der westlichen Welt und ohne Existenzsorgen.

Fragen bleiben

Streng genommen stellen einige Studien außerdem nur einen Zusammenhang her. Theoretisch ist es möglich, dass die Ursache-Wirkung-Beziehung andersherum verläuft. Sprich, dass Menschen mit einer guten Konstitution eher (und mehr) Kinder bekommen. Schlecht erklären lässt sich damit allerdings die blutdrucksenkende Wirkung des Stillens und der bessere Schutz vor Schnupfensymptomen in zwei der oben beschriebenen Studien.

Kein Wunder, dass Sneed und ihre Kollegen in ihrem Artikel darauf hinweisen, dass noch viele Fragen offen sind: „Unsere Ergebnisse, wiewohl spannend, lassen Raum für weitere Studien, um herauszufinden, wie verschiedene Aspekte des Elternseins … mit der physischen Gesundheit in Beziehung stehen könnten.“

Fazit: Die vorhandenen Studien weisen darauf hin, dass Eltern (körperlich) gesünder sind als Kinderlose. Die Gründe dafür sind noch weitgehend unklar.

(Foto: lorenkerns/Flickr)