Über Terrorismus berichten – ohne den Schaden zu vergrößern

Das September-Heft von Psychologie Heute enthält meinen Artikel über die (Wechsel)Beziehung zwischen Terrorismus und den Medien, inkl. einem Interview mit dem Experten Robert Kahr. Der Titel: Terror ist gut fürs Geschäft.

Wie üblich enthält dieser erste Post zu dem Artikel die Outtakes, also die Passagen, die es aus Platzgründen nicht ins Heft geschafft haben. Dieses Mal sind es einige längere Passagen, die, wie ich finde, auch für sich lesenswert sind.

In einem zweiten Post verrate ich meine wichtigsten Quellen und gebe Hinweise auf Informationen (mit Links), die ich erst nach dem Schreiben gefunden habe.

Genug der Vorrede. Hier sind die Outtakes.

… Wenn wir mit Nachrichten über Gewalttaten bombardiert werden, glauben wir, dass diese häufiger vorkommen, als es der Realität entspricht. Erin Kearns von der Georgia State University wertete mit Kollegen Zeitungsartikel und solche von der Website des Senders CNN aus der Zeit von 2011 bis 2015 aus. Selbst wenn sie andere Faktoren berücksichtigten, wie die Anzahl der Todesfälle, wurde über Anschläge muslimischer Täter viermal so häufig berichtet wie über solche von anderen. Wenn jemand wie der Weiße Frazier Glenn Miller drei Menschen erschießt, weil er Juden töten will,  berichten die Medien sparsamer und bezeichnen ihn seltener als Terroristen. In den USA sind die meisten Medienschaffenden weiß und christlich und tendieren möglicherweise dazu, Mitglieder ihrer eigenen Gruppe positiver darzustellen als Menschen, die nicht dazu gehören, vermutet die Wissenschaftlerin. Denn „Ereignisse haben einen höheren Nachrichtenwert, wenn sie … sich so darstellen lassen, dass sie Vorurteile verstärken.“

In Deutschland berichteten die Privatsender RTL/Sat.1 (zumindest im Beobachtungszeitraum von Mitte 2007 bis Anfang 2009) stärker islamfeindlich als die öffentlich-rechtlichen ARD und ZDF. Personen, die Erstere bevorzugten, wurden mit der Zeit islamfeindlicher als solche, die hauptsächlich Letztere schauten. Gleichzeitig führte eine größere Abneigung gegenüber Muslimen dazu, dass Menschen sich vermehrt den Privatsendern zuwandten. Das Sehverhalten und die Vorurteile verstärkten sich also gegenseitig. Das fanden Wolfgang Frindte und seine Mitarbeiter von der Universität Jena heraus.

Nicht nur über die Auswahl entsprechender Themen, sondern auch über eine aufsehenerregende Darstellungsweise versuchen Medien, Käufer und Zuschauer anzulocken: Sondersendungen, Eil-Meldungen, sensationelle Berichte mit teils drastischen Bildern. Und das nicht nur bei Anschlägen hierzulande, sondern weltweit. Terror ist gut fürs Geschäft, könnte man zynisch feststellen. Gleichzeitig droht Konkurrenz durch die Sozialen Medien. Facebook, Twitter und Co., beziehungsweise ihre zahllosen Nutzer, sind fast immer schneller als jeder Journalist, denn sie verbreiten Fakten und Gerüchte gleichermaßen und ungeprüft. Auch dies erklärt vielleicht manche Auswüchse in der medialen Berichterstattung.

… Zeitungen und Fernsehsender konkurrieren häufig mit Fotos und Videos um unser Interesse. Seien es solche, die Überwachungskameras oder Passanten gemacht haben. Etwa von der Erschießung eines Polizisten vor dem Gebäude der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Seien es Videos, die von den Terrororganisationen selbst stammen. Ein Extrembeispiel ist ein gut 22-minütiger Propaganda-Film in arabischer Sprache, der mit der Verbrennung eines jordanischen Piloten endet und den der populäre amerikanische Fernsehsender Fox News seit 2015 auf seiner Website präsentiert. (Link: https://video.foxnews.com/v/4030583977001 zuletzt überprüft am 9.8.2017) Charlie Beckett von der Abteilung Medien und Kommunikation der London School of Economics war früher selbst BBC-Journalist. Er weist auf eine weitere Gefahr bei dieser Art der Berichterstattung hin. Die Terroristen könnten den Eindruck gewinnen: Um ihr Ziel zu erreichen, müssen sie immer noch eins draufsetzen, noch brutaler vorgehen, noch sensationellere Bilder liefern.

… Wie The Guardian berichtete, teilten zum Beispiel Twitter-Accounts von IS-Unterstützern das bereits erwähnte Video der Verbrennung des jordanischen Piloten, indem sie zur Website von Fox News verlinkten.

Das war’s. Ich habe schon vor Abgabe des Manuskripts eine ganze Menge gekürzt. Falls Interesse besteht, kann ich gerne auch noch einiges davon hier im Blog veröffentlichen. Dieses Interesse können Sie zum Beispiel unter den entsprechenden Posts bei Facebook und G+ bekunden 🙂

Der nächste Blogpost enthält erst einmal, wie gesagt, meine wichtigsten Quellen und weitere ergänzende Informationen.

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