Besser als Glück: Bedeutung

Das Juli-Heft von Psychologie Heute enthält meinen Artikel darüber, warum ein bedeutungsvolles Leben besser für uns ist und sich auf eine tiefere Weise gut anfühlt als eines, das sich durch ungetrübtes Wohlbefinden auszeichnet. Der Titel: Besser als Glück.

Wie üblich enthält dieser erste Post zu dem Artikel die Outtakes, also die Passagen, die es aus Platzgründen nicht ins Heft geschafft haben. Ich fand das Thema so faszinierend, dass es dieses Mal ziemlich viele Textstücke waren. Was mir besonders bemerkenswert erscheint, habe ich gefettet.

In einem zweiten Post verrate ich meine wichtigsten Quellen und gebe Hinweise auf Informationen (mit Links), die ich erst nach dem Schreiben gefunden habe.

Genug der Vorrede. Hier sind die Outtakes.

Erstens aus dem eigentlichen Artikel:

Glückliche Menschen waren eher „Nehmer“, sinnerfüllte eher „Geber“. Jemand, der gerade Klatschzeitschriften liest oder fernsieht, würde also bei einer Befragung vermutlich erklären, sich gut zu fühlen.

Die Bestseller-Autorin Cheryl Strayed sagte in einem Interview: „All die besten Dinge in meinem Leben, sind gleichzeitig unglaublich schwierig. Eine Mutter zu sein, eine Ehefrau, eine Autorin … Es ist nicht alles nur Freude, Regenbögen und Einhörner.“

… dass die meisten Untersuchungen nahelegen, dass Menschen ohne eigenen Nachwuchs „besser dran“ sind. Das gilt besonders, wenn die Kinder noch zu Hause leben, und für Frauen, Alleinerziehende, Menschen mit wenig Geld und in Gesellschaften, wo das Kinderhaben nicht mehr als so zentral angesehen wird. Auch Paul Dolan schreibt: „Als ich mich vor zehn Jahren mit dem Gedanken an eigene Kinder befasste, hätte ich mich auf der Grundlage der Glücksforschung eigentlich dagegen entscheiden müssen.“ Warum möchten es trotzdem so viele Menschen nicht missen, Eltern zu sein? Hansen zitiert Baumeister, der meinte, dass dies zwar eine wenig geeignete Strategie sei, um Glück zu finden, jedoch eine hervorragende, um dem Leben Sinn zu geben. Paul Dolan bestätigt das. Gemeinsam mit seiner Frau Les hat er inzwischen eine Tochter und einen Sohn. „Sie machen uns ein bisschen Freude, viele Sorgen und geben uns eine Riesendosis Sinnhaftigkeit.“

… Die Bedeutung, die Menschen ihrem Leben beimessen, bietet, wie bereits erwähnt, einen gewissen Schutz vor Selbsttötungen. Der Philosoph Friedrich Nietzsche drückte das so aus: „Hat man sein Warum des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem Wie.“

… Anthony Burrow und Nicolette Rainone vermuten, dass diese Menschen die Zukunft und ihre Ziele im Blick behalten und deshalb weniger impulsiv auf solche Belohnungen [Likes bei Facebook] reagieren.

Wenn wir in dem, was wir tun, einen Sinn sehen, ermöglicht uns dies außerdem, aus unserer eigenen Haut herauszuschlüpfen – zumindest zeitweise. Das hat der Psychologe Brian Little von der Cambridge University beobachtet. Gerne erzählt er davon, wie es ihm, einem eingefleischten Introvertierten, immer wieder gelingt, lebendige Vorlesungen und Vorträge zu halten, sich also ausgesprochen extrovertiert zu geben. Wenn wir ein Projekt vorantreiben wollen, das uns wichtig ist, können wir, so Little, durchaus anders handeln, als es unserer Persönlichkeit entspricht.

Eine zentrale Komponente von Bedeutung, ein Lebenszweck, also übergeordnete Ziele, ist möglicherweise sogar gut für den Geldbeutel. Patrick Hill von der Carleton University in Ottawa, Kanada, wertete Daten einer amerikanischen Langzeitstudie aus. Als zielstrebig galt, wer der Aussage „Manche Menschen wandern ziellos durchs Leben, aber ich gehöre nicht dazu“ stark zustimmte und andererseits zum Beispiel diese Aussage stark ablehnte: „Ich lebe in den Tag hinein und denke nicht wirklich über die Zukunft nach.“ Diese Menschen hatten bereits zu Beginn der Befragung ein höheres Einkommen und mehr Ersparnisse. Circa neun Jahre später lag ihr durchschnittlicher Jahresverdienst um 4500 US-Dollar höher als bei den weniger zielstrebigen Vergleichspersonen und das Vermögen um 21000. Dabei hatten die Forscher bereits verschiedene Faktoren wie die besseren Startbedingungen herausgerechnet. ((Der Effekt machte sich übrigens hauptsächlich bei Menschen bis zu 35 Jahren bemerkbar, also zu Beginn der beruflichen Karriere.

… Trotzdem gibt es natürlich nach wie vor Menschen, die in ihrem Leben und in dem, was sie tun, einen Sinn sehen. Können bestimmte Eigenschaften oder andere Faktoren dies begünstigen? Auf diese Frage hat Tatjana Schnell in ihrer eigenen Forschung und der von anderen einige Antworten gefunden. Zwischen Männern und Frauen gibt es anscheinend keinen Unterschied in Bezug auf die erlebte Sinnerfüllung. Diese steigt zwar ein wenig mit zunehmendem Alter, jedoch ist die Bandbreite sehr groß. Das heißt, in jedem Alter gibt es Menschen, die ihr Leben als sehr bedeutungsvoll erleben, und andere, bei denen das weniger der Fall ist. Zum Thema Persönlichkeit schreibt die Wissenschaftlerin, „dass es für selbstkontrollierte, optimistische, gesellige, freundliche, wissbegierige und experimentierfreudige Menschen etwas leichter ist, ein sinnvolles Leben zu führen“. Vererbung spielt vermutlich keine große Rolle. Zumindest sprechen die wenigen Ergebnisse, die es gibt, dagegen.

dass ein Gefühl der Zugehörigkeit dazu führt, dass das Leben für uns einen Sinn hat. Als Erstes denken viele dabei vermutlich an die Familie. Zu Recht. Menschen mit Kindern empfinden ihr Leben als bedeutungsvoller als Kinderlose. Darüber hinaus berichtet Schnell, dass die Sinnerfüllung bei Verheirateten höher ist als bei Singles und als bei Personen, die zwar in einer Partnerschaft leben, aber nicht verheiratet sind. Bei Eltern verschwand der Unterschied zwischen solchen, die verheiratet oder unverheiratet zusammenlebten, übrigens.

Bei diesen Forschungsergebnissen sollte man allerdings im Hinterkopf behalten: Meist handelt es sich um Befragungen zu einem bestimmten Zeitpunkt und nicht um Langzeituntersuchungen. Die Daten eignen sich also nicht dazu festzustellen, was zuerst da war: Huhn oder Ei. Oder in diesem Fall: Ehe/Kinder oder Sinnerfüllung. Die bereits erwähnte Studie von Baumeister und Lambert ist eine Ausnahme. Sie demonstrierte, dass Zugehörigkeit Bedeutung hervorruft. Darauf, dass Menschen, die ihr Leben als sinnvoller empfinden, eher heiraten als andere, gibt es andererseits ebenfalls Hinweise. Schließlich können die Ursache-Wirkungsbeziehungen auch als Wechselwirkung in beide Richtungen verlaufen. Olga Stavrova von der Tilburg University und Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum fanden heraus, dass dies bei der Zugehörigkeit zu größeren Gruppen der Fall ist, etwa wenn man sich ehrenamtlich engagiert. Diese kollektive Verbundenheit (collective connectedness) ist einerseits wahrscheinlicher, wenn man sein Leben als bedeutungsvoll empfindet, trägt aber selbst auch wiederum zur Sinnerfüllung bei.

Mitglieder des Reinigungspersonals in einem Krankenhaus zum Beispiel empfanden ihre Arbeit als sinnerfüllter und befriedigender, wenn Patienten respektvoll mit ihnen sprachen.

Doch wie erkennt man seinen Lebenszweck? Forscher haben gezeigt, dass Menschen, die ihre besonderen Stärken in ihrem Beruf anwenden können, mehr Sinn in ihrer Arbeit finden (und auch mehr leisten). Wissenschaftler kennen insgesamt 24 davon, die sie mit einem speziellen Fragebogen (VIA-IS, Inventory of Strengths des Values-In-Action Institutes) erfassen (s. Website der Universität Zürich für einen Test zum Selbermachen: http://www.charakterstaerken.org) ((falls Sie das hier oder bei den Quellen online erwähnen möchten)). Jeder besitzt vermutlich zwischen drei und sieben sogenannte Signaturstärken, etwa Kreativität, Freundlichkeit, Führungsvermögen, Vorsicht, Sinn für das Schöne. Je mehr davon man in einem Job einbringen kann, desto mehr empfindet man ihn als Berufung und als sinnvoll. Allerdings kann nur jeder Dritte auf Anhieb seine speziellen Fähigkeiten nennen.

Natürlich ist die Verwirklichung einer Berufung nicht auf die Arbeitswelt beschränkt. Viele Eltern sehen in ihren Kindern eine wichtige Aufgabe. Wir können entsprechende Hobbys wählen oder uns ehrenamtlich engagieren.

… ((zum Punkt: Sinn herstellen durch Geschichtenerzählen)) so,dass wir das Gute im Schlechten erkennen und das Positive, das zum Beispiel aus einem traumatischen Ereignis entstanden ist. Nichts versinnbildlicht dies besser als das Schicksal des österreichischen Psychiaters Viktor Frankl, der selbst im Konzentrationslager Schreckliches mitgemacht hatte und dessen Eltern, Bruder und Ehefrau umgekommen waren. Zurück in Wien diktierte er Stenotypistinnen in nur neun Tagen das Buch, das unter dem Titel „Man’s Search for Meaning“ in den USA zu einem Riesenerfolg wurde, und schrieb sich damit das Erlebte, wie er in seiner Autobiografie berichtet, „von der Seele“. Dieses Buch, auf Deutsch in etwas anderer Form unter dem Titel „… trotzdem Ja zum Leben sagen – Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ erhältlich, hat wiederum unzähligen Menschen geholfen. Für den österreichischen Neurologen und Holocaust-Überlebenden selbst, so schreibt er in seiner Autobiografie, bestand der Sinn seines Lebens darin, anderen zu helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu sehen.

Ein Trick, bestimmten Geschehnissen eine Bedeutung zu geben, kann kontrafaktisches, also den Tatsachen widersprechendes Denken (counterfactual thinking) sein. Wenn wir uns vorstellen, was passiert wäre, wenn wir eine bestimmte Entscheidung nicht getroffen hätten – nicht diese bestimmte Stelle angenommen hätten, nicht unseren Partner geheiratet hätten und so weiter – , dann erscheint uns die tatsächliche Richtung, die wir eingeschlagen haben, paradoxerweise geradezu zwangsläufig und damit sinnvoll. Das haben Laura Kray von der University of California, Berkeley, und andere mit Hilfe mehrerer Experimente gezeigt.

… ((Sinn durch Transzendenz)) „Heilige Orte finde ich in der Natur, vor allem alte Kultstätten. Oder auch Kirchen …  oder Tempel und Ähnliches anderer Religionen.“ So zitiert Tatjana Schnell in ihrem Buch eine Person, die Sinn über Spiritualität erfährt. Jemand anderes wählt den Weg der Naturverbundenheit. „Es gibt mir das Gefühl, ein Teil eines größeren Ganzen zu sein. Zufriedenheit, Freude, Glücklichsein und Ruhe.“

Viktor Frankl stellt in einem Postskriptum zu seinem Buch „Man’s Search for Meaning“ fest: „Glück kann man nicht verfolgen; es muss erfolgen. Man muss einen Grund haben, ‚glücklich zu sein‘. Ist der Grund jedoch gefunden, so wird man automatisch glücklich.“

Zweitens aus dem Textkasten „Dem Leben Bedeutung geben“:

Weiterführende Schulen, so seine Überzeugung, sollten jungen Menschen als Startrampe in ein bedeutungsvolles Leben dienen. Doch gerade in dieser Beziehung versagten sie. 

Mitarbeiter, die einen Sinn in ihrer Arbeit sehen, sind engagiert, was auch für das Unternehmen gut ist. (Andererseits trifft das in Deutschland laut Daten des Meinungsforschungsinstituts Gallup auf die meisten Beschäftigten nicht zu.) John Mackey und Raj Sisodia sind der Ansicht, dass Unternehmen selbst einem höheren Zweck dienen sollten. Mackey erklärt das in einem Interview mit der Zeitschrift Harvard Business Review so: „Wenn man fragt, was die Aufgabe eines Arztes ist, sagt niemand …, den Profit zu maximieren. … Die Aufgabe von Ärzten ist offensichtlich, Menschen zu heilen.“  Ähnlich verhalte es sich mit Lehrern, Journalisten, Architekten und so weiter. Mackey ist einer der beiden Leiter von Whole Foods, einer erfolgreichen amerikanischen Kette von Biosupermärkten. Ihr Zweck: Menschen zu helfen, gesünder zu leben. Kapitalismus mit Bewusstsein (conscious capitalism), wie Mackey und der Wirtschaftswissenschaftler Sisodia ihr Modell nennen, nützt, so ihre Erfahrung, den Mitarbeitern, den Kunden und letztlich auch der Bilanz.

Ich habe schon vor Abgabe des Manuskripts eine ganze Menge gekürzt. Falls Interesse besteht, kann ich gerne auch noch einiges davon hier im Blog veröffentlichen. Dieses Interesse können Sie zum Beispiel unter den entsprechenden Posts bei Facebook und G+ bekunden 🙂

Der nächste Blogpost enthält erst einmal, wie gesagt, meine wichtigsten Quellen und weitere ergänzende Informationen.

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