Heilige Werte – Wurzel schwer lösbarer Konflikte

ph1216 Das Dezember-Heft von Psychologie Heute enthält meinen Artikel über Heilige Werte. Als Wissenschaftlerin (ich bin Biologin) bin ich immer wieder erstaunt und manchmal auch schockiert, wenn Menschen Vernunftgründen oder Fakten nicht zugänglich sind. Meine Recherche zum Thema Heilige Werte hat mir geholfen zu verstehen, wie es dazu kommen kann und dass wir alle moralische Grundsätze haben, von denen wir unter keinen Umständen abrücken wollen.

Auch warum es diese Werte gibt, habe ich dadurch verstanden: Sie halten kleine und große Gruppe (zum Beispiel Religionsgemeinschaften oder Staaten) zusammen und ermöglichen es, dass wir Menschen, mit denen wir nicht verwandt sind oder die uns sogar fremd sind, vertrauen und mit ihnen zusammenarbeiten. Mehr dazu, wie gesagt, in Heft 12/16 von Psychologie.

Wie üblich enthält dieser erste Post zu dem Artikel die Outtakes, also die Passagen, die es aus Platzgründen nicht ins Heft geschafft haben. Dieses Mal sind es besonders viele, weil ich das Thema so wichtig und so spannend fand.

In einem zweiten Post verrate ich meine wichtigsten Quellen und gebe Hinweise auf einige Zitate und Links, die ich erst nach dem Schreiben gefunden habe.

Genug der Vorrede. Hier sind die Outtakes:

… Heilige Werte sind seit jeher Teil unserer Psyche – und tragen oft genug zu Feindschaft, Hass und Gewalt bei.

… Eine viel zitierte Definition lieferte der Psychologe Philip Tetlock von der University of Pennsylvania in Philadelphia. Heilig ist danach „jeder Wert, den eine moralische Gemeinschaft implizit oder explizit als unendliche oder transzendentale Bedeutung besitzend behandelt, die Vergleiche, Kosten-Nutzen-Abwägungen oder tatsächlich jede andere Vermischung mit begrenzten oder säkularen Werten ausschließt“.

… Moshe Hoffman und seine Kollegen von der Harvard University haben gezeigt, dass wir Menschen stärker vertrauen, die sich kooperativ verhalten, ohne auf die Kosten zu achten. Ihre Bereitschaft, den Preis für das Einhalten eines bestimmten moralischen Werts zu zahlen, signalisiert: „Diese Person ist vertrauenswürdig. Das ist jemand, mit dem man zusammenarbeiten kann.“ Bei jemandem, der Kosten-Nutzen-Rechnungen aufstellt, ist das nicht der Fall. Das erklärt auch, warum wir Menschen mit Prinzipien bewundern.

… wie eine aktuelle Studie unter der Leitung von Katja Rost vom Soziologischen Institut der Universität Zürich zeigt. Die Forscher werteten über eine halbe Million Kommentare auf der Plattform http://www.openpetition.de aus. Das Ergebnis: Die Mehrzahl der Verfasser von Hasskommentaren posteten unter ihrem wahren Namen und diese Personen waren aggressiver als diejenigen, die anonym bleiben wollten. Einen Grund für dieses Verhalten sehen die Wissenschaftler darin, dass die Betreffenden Verletzungen sozialer Normen anprangern wollen, also in ihren eigenen Augen nur ihre moralische Pflicht tun. Inhaltlich ging es um so verschiedene Themen wie Wissenschaftler, die plagiieren, Firmen, die Menschenrechte verletzen, oder die Angst vor Unterwanderung durch Ausländer.

… Jonathan Haidt zufolge beruhen heilige Werte auf fünf Grundlagen: Schaden/Leid (harm), Fairness (fairness), die eigene Gruppe (ingroup), Autorität (authority) und Reinheit (purity). Diese können unterschiedliche heilige Werte und heilige Objekte hervorbringen mit unterschiedlichen Repräsentanten für das Böse und unterschiedlichen Arten von „idealistischer Gewalt“. Drei Beispiele sollen verdeutlichen, was Haidt meint. Erstens: Schaden/Leid. Ein heiliger Wert wäre Frieden, ein weiterer, sich um andere zu kümmern, sie zu schützen. Heilige Objekte: unschuldige Opfer oder gewaltfreie Anführer wie Gandhi. Das Böse wären grausame Menschen, Formen der Gewalt wären zum Beispiel Tötungen von Abtreibungsärzten. Zweitens: die eigene Gruppe. Heilige Werte wären Loyalität und Selbstaufopferung, heilige Objekte das Heimatland, die Flagge und so weiter, das Böse: Menschen anderer Kulturen, Formen der Gewalt: beispielsweise Genozid (Völkermord). Drittens: Fairness. Ein heiliger Wert wäre Gerechtigkeit, heilige Objekte die Unterdrückten, das Böse: Rassisten, Kapitalisten und so weiter, Formen der Gewalt wären Rachetötungen, Anschläge. (Andere Forscher, etwa Scott Atran, differenzieren nicht und bezeichnen auch Objekte als heilige Werte.)

… Für das Phänomen der aufopferungsbereiten Akteure hat Scott Atran in seiner Feldforschung, unter anderem gemeinsam mit Hammad Sheikh von New School for Social Research in New York, Belege gefunden. In Sidi Moumen, einem „radikalen“ Vorort von Casablanca (Marokko), empfanden 50 Prozent der Befragten die Scharia, das islamische Recht, als heiligen Wert (in Casablanca insgesamt: 20 Prozent). Diejenigen, die sich außerdem ihrer Gruppe von Freunden wie durch Verwandtschaft eng verbunden fühlten, waren eher bereit für ihren heiligen Wert zu töten und zu sterben. Bei einer Befragung von Spaniern zeigte sich ein ähnlicher, wenn auch schwächer ausgeprägter Effekt, in diesem Fall für den heiligen Wert Demokratie, wenn sie diese außerdem als bedroht empfanden. Die Forscher stellen fest: „Männer und Frauen gleichermaßen bekundeten ‚parochialen Altruismus‘ am stärksten, wenn sie mit einer verwandtschaftsartigen Gruppe gleichgesinnter Freunde verschmolzen waren und das Gefühl hatten, dass ein hochgeschätzter Wert, den sie als heilig betrachteten, bedroht wurde.“

Parochialer Altruismus bedeutet in etwa: uneigennütziges Verhalten zum Wohle der eigenen (In-)Gruppe, also zum Beispiel von Menschen mit derselben Sprache, desselben Glaubens oder derselben Nationalität.

… In einer Rede vor dem UN-Sicherheitsrat warnte Atran: „Wenige, wenn überhaupt irgendwelche, von denen, die sich dem militanten Dschihad, oder auch einem xenophoben Nationalismus, anschließen, sind Nihilisten.“ Wer das glaube, erliege einem Wunschdenken und weigere sich, die moralische Anziehungskraft und damit echte Gefahr zu erkennen, die von solchen Bewegungen ausgehe. „Die Bereitschaft zu sterben oder andere zu töten erfordert eine tiefe Überzeugung von der moralischen Richtigkeit.“

… In seiner Rede vor dem UN-Sicherheitsrat riet Atran betroffenen Staaten: „Bieten Sie der Jugend etwas an, das sie träumen lässt von einem Leben mit Bedeutung durch Kampf und Opfer in Kameradschaft.“ Er erwähnte, dass es zum Beispiel bei Twitter Anhängern des IS möglich ist, sich in vielen verschiedenen Gruppen miteinander auszutauschen, für ihre Klagen und ihren Groll ein Publikum zu finden und sich zu engagieren. Regierungsinitiativen beschränkten sich gewöhnlich auf allgemeine Verlautbarungen, ohne „intime soziale Netzwerke, die diese Träumer brauchen“. Außerdem seien die Botschaften gewöhnlich negativ, im Stil von: „Der IS enthauptet Gegner und will euch vorschreiben, wie ihr euch zu kleiden und was ihr zu essen habt.“ Jedes Engagement müsse sich auf die Einzelnen und ihre Netzwerke einstellen. Man müsse mit Empathie arbeiten und dürfe nicht als Schulmeister auftreten.

Dafür muss man mit den Betreffenden sprechen. Eine der wenigen, die das außer Atran und seinen Kollegen tut, ist Nina Käsehage von der Universität Göttigen. Sie wollte wissen, wie Menschen hierzulande zu Salafisten werden. Für ihre Dissertation hat die Religionswissenschaftlerin knapp 200 Anhänger dieser Lesart des Islam in Deutschland, anderen europäischen Ländern sowie der Türkei interviewt. Bemerkenswert ist, was der Deutschlandfunk in einem Beitrag über sie berichtet: „Wann immer verzweifelte Eltern sie um Hilfe baten, fiel Käsehage aus ihrer Beobachterrolle: Viele der jungen Eiferer, sagt sie, habe sie in nächtelangen Diskussionen am Küchentisch von der geplanten Reise ins Unglück abhalten können.“ Der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung erklärte sie, dass es durchaus gelingen könne, junge Muslime zu deradikalisieren, dafür müsse es jedoch zum Beispiel mehr Pädgogen und Sozialarbeiter geben.

…  ((Im Zusammenhang, dass es in vielen Lebemnsberiechen schwer ist, Glaubenssätzen mit Fakten beizukommen, schrieb ich)) Nicht umsonst sagte der konservative Politiker Michael Gove, einer der prominentesten Brexit-Befürworter: „Ich glaube, die Menschen in diesem Land haben genug von Experten.“

… Trotzdem sind solche Gegensätze keineswegs unüberwindbar. Wenn man erkennt, dass und welche Grundwerte den Kern des Problems bilden, tun sich verschiedene Möglichkeiten auf.

Eine besteht in symbolischen Zugeständnissen. Wir können den Weg ebnen, indem wir Respekt zeigen oder uns für etwas entschuldigen, das die anderen als Sakrileg empfinden. Allerdings muss die Entschuldigung ehrlich gemeint sein.

… Laut Atran soll der ehemalige israelische Premierminister Ariel Sharon nachträglich erkannt haben, dass er in Bezug auf Siedler, die den Gazastreifen verlassen sollten, einen Fehler gemacht hatte. Statt sie zu tadeln, dass sie durch ihre Aktionen Staatsgelder verschwendeten und das Leben von Soldaten riskierten, hätte er ihnen symbolisch entgegenkommen und sie als zionistische Helden bezeichnen können, die wie so oft ein Opfer brachten.

… Problematisch wird es, wenn die moralischen Grundsätze des Gegenübers den eigenen zutiefst widersprechen. Das kann Zugeständnisse unmöglich machen, die Außenstehenden trivial erscheinen. In Frankreich ist es muslimischen Mädchen verboten, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Scott Atran und Robert Axelrod, ein Politikwissenschaftler von der University of Michigan, in Ann Arbor, sind der Ansicht, dass ein Aufheben dieser Regel in der gesamten muslimischen Welt positive Auswirkungen hätte. Für die meisten Amerikaner ist das keine große Sache, denn in ihren Schulen sind jüdische und muslimische Kopfbedeckungen eine gewohnte Erscheinung. Frankreich dagegen hat ein säkulares, zentral gesteuertes Schulwesen, dessen Werte (unter anderem die strenge Trennung von Staat und Kirche) auf die Französische Revolution zurückgehen.

… Manchmal kommt man einer Einigung näher, wenn man die Perspektive oder den Zusammenhang ändert. Philip Tetlock erwähnt die Entrüstung, die viele empfanden, als es Menschen, die eine Menge für Bill Clintons Wahlkampf gespendet hatten, während seiner Präsidentschaft erlaubt wurde, im so genannten Lincoln-Schlafzimmer im Weißen Haus zu übernachten. Seine Anhänger zumindest reagierten weniger empört, wenn man ihnen erklärte, dass es sich um einen Freundschaftsdienst handelte, weil Freunde das Recht hätten, sich gegenseitig einen Gefallen zu tun.

Atran und seine Kollegen fragten wie bereits erwähnt Probanden, wie viele Geiseln mindestens befreit werden müssten, damit sie sich für ein gewaltsames Vorgehen entscheiden würden, und erhielten als Antwort 1. Aus Studien wie dieser schließen Experten, dass Menschen, wenn es um ihre heiligen Werte geht, in Bezug auf die Konsequenzen ihrer Entscheidungen „quantitätsinsensitiv“ sind. Das heißt, sie sind beispielsweise bereit, die Leben einer ganzen Anzahl von Soldaten zu opfern, um das einer Geisel zu retten. Ähnlich verhält es sich, wenn man Menschen zum Thema Umweltschutz befragt, etwa: „Würden Sie einen Damm öffnen und damit stromabwärts zwei Fischarten zum Aussterben verurteilen, wenn sich dadurch 20 Fischarten im Stausee retten ließen?“ Dies beantworten einige mit nein, weil sie nicht das Aussterben einer einzigen Art verantworten wollen. Douglas Medin von der Northwestern University und sein Mitarbeiter Daniel Bartels zeigten anhand dieses Szenarios (und von zwei anderen), dass sich dieser Effekt umkehren lässt. Indem man nämlich den Probanden eine Reihe von Fragen stellt:

Würden Sie den Damm öffnen, wenn dadurch 2 Fischarten aussterben würden? (Ja/Nein)
Würden Sie den Damm öffnen, wenn dadurch 6 aussterben würden? (Ja/Nein)
Würden Sie den Damm öffnen, wenn dadurch 10 aussterben würden? (Ja/Nein)
Würden Sie den Damm öffnen, wenn dadurch 14 aussterben würden? (Ja/Nein)
Würden Sie den Damm öffnen, wenn dadurch 18 aussterben würden? (Ja/Nein)

Dadurch lenkt man die Aufmerksamkeit von der Überlegung, ob eine Kosten-Nutzen-Abwägung überhaupt akzeptabel ist, auf die Quantität beziehungsweise den „Nettonutzen“, wie die beiden Forscher es nennen. Tatsächlich waren bei dieser Art der Befragung die Teilnehmer mit heiligen Werten sensitiver für die Quantität als diejenigen ohne. Wie man Probleme darstellt, kann also die Entscheidung beeinflussen.

Das gilt auch für eine andere Art der Formulierung, wie Medin gemeinsam mit Sonya Sachdeva zeigte. Wenn man fragt, ob eine schädliche Handlung weniger unrecht ist als fünf („Ist es weniger schlimm 1 Morgen Wald zu zerstören als 5?“), so sind die Betreffenden relativ unempfindlich für die Menge, sehen die Situation also eher schwarz-weiß. Lautet die Frage jedoch, ob fünf schädliche Handlungen stärker unrecht sind als eine („Ist es schlimmer 5 Morgen Wald zu zerstören als 1?“), so sind Probanden ausgesprochen quantitätssensitiv, tendieren also eher zu Abwägungen. Wieder war der Effekt bei Menschen mit den entsprechenden heiligen Werten stärker ausgeprägt. Medin und Sachdeva bezeichnen die Quantitätsinsensitivität deshalb als eine kontextabhängige Eigenschaft geschützter Werte. Sie vermuten, dass die erste Art zu fragen (Ist es weniger schlimm eine schädliche Handlung…?) die Aufmerksamkeit auf schädliche Handlung/keine schädlich Handlung lenkt und die zweite Version (Ist es schlimmer mehrere …?) eher die Konsequenzen hervorhebt.

… Auch in der Studie von Medin und Bartels fiel der Effekt, den das andere Präsentieren des Problems hatte, bei einem Szenario, bei dem es um Menschenleben ging, kleiner aus als bei denjenigen zu Fischarten und Waldstücken.

Manchmal schließlich ist kreatives Denken gefragt. Für die amerikanisch-chinesischen Beziehungen war es förderlich, dass 1971 amerikanische Tischtennisspieler nach China reisten und dort Match um Match gegen die Gastgeber verloren. Für die Chinesen ist Tischtennis eine Art Nationalsport und die Siege hatten symbolische Bedeutung (in den USA ist es dagegen eine unbedeutende Sportart). Für diese Ereignisse wurde ein eigener Begriff geprägt: Ping-Pong-Diplomatie.

Der nächste Post enthält, wie gesagt, Hinweise auf weiterführende Literatur bzw. meine wichtigsten Quellen und mehr.

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