Besonders infam: gefälschte Impfstoffe

TODLICHE IMITATE - 2000Am letzten Freitag erst habe ich bei einer Lesung aus meinem Thriller Ohne Skrupel unter anderem eine Passage vorgelesen, in der ein nigerianischer Arzt sagt:

„Mein Alptraum ist, dass wir einmal einen Impfstoff bekommen, der gefälscht ist. Bis jetzt hatten wir da Glück.“ Er sah Coris ungläubigen Blick. „Doch, es gibt Leute, die absolut keine Skrupel haben. Es ist gar nicht lange her, da hat jemand in den Philippinen Wasser als Grippeimpfstoff verkauft.“

Diesen Fall gab es tatsächlich. Nachzulesen zum Beispiel hier und hier.

Ich habe bei dieser Lesung auch gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass sich in Bezug auf gefälschte Medikamente — global gesehen — nichts oder doch zu wenig tut. Ich sehe nicht, dass sich die Gesamtlage bessert.

Als habe es einen Beweis gebraucht, finde ich bei Twitter gerade diesen Bericht von Al Jazeera News: Indonesia: Millions of children affected by fake vaccines.

Ich habe weiterrecherchiert und einen Bericht von Reuters gefunden, der so beginnt:

Indonesia on Friday ordered an immediate overhaul of the food and drug monitoring agency, a month after police uncovered a syndicate selling fake imported child vaccines to hospitals, pharmacies and clinics over the past decade.

(Hervorhebung von mir)

Es geht dem Artikel zufolge um Auffrischimpfungen gegen Hepatitis B, Diphtherie, Tetanus and Keuchhusten — allesamt potentiell tödliche Erkrankungen, die sich durch Impfungen verhindern lassen. Wer kennt hierzulande noch Tetanus (Wundstarrkrampf)?

Das Infame: Gefälschte Mittel töten meist unerkannt, weil es schwerfällt zu entdecken, dass sie die Ursache sind. Schließlich kann es verschiedene Gründe dafür geben, dass eine Behandlung nicht anschlägt. Das macht es auch so schwer, zum Beispiel in Strafverfahren nachzuweisen, dass überhaupt ein Schaden entstanden ist. (Auch jetzt heißt es, wie so oft: „No illnesses or deaths have been directly linked to the fake vaccines, officials have said.“ Hervorhebung von mir.) Bei Impfstoffen können außerdem Jahre vergehen, bis der „Ernstfall“ eintritt und ihre Wirkung erforderlich wird.

Wenn man dann noch bedenkt, dass es hier um Kinder geht bzw. um Eltern, die das Beste für ihre Kinder wollten. Wenn man bedenkt, dass die scheinbare Unwirksamkeit Impfskepsis oder Impfmüdigkeit fördern kann, ebenso wie die Entdeckung jetzt, dass viele Kinder laut einem weiteren Reuters-Artikel wirkungslose Kochsalzlösung erhielten (die außerdem, warum auch immer, ein Antibiotikum enthielt), dann macht mich das unglaublich wütend. Ich frage mich wieder einmal, was in den Köpfen der Täter vorgeht.

In diesem neueren Reuters-Beitrag heißt es auch:

President Joko Widodo urged calm as public uproar intensified over revelations that health officials knew about the syndicate producing the fake vaccines for several years but did little to stop it.

The scandal has exposed major weaknesses in the oversight of the health sector …

Sicher ist Indonesien kein ausgesporchenes Entwicklungsland mehr, sondern ein „Schwellenland“. Trotzdem erinnerte mich die Beschreibung der Zustände an eine Passage aus meinem Büchlein Tödliche Imitate, in der ich über mögliche Lösungen schreibe:

Was die Entwicklungsländer vor allem brauchen, sind gut funktionierende Aufsichtsbehörden wie das BfArM in Deutschland, die Medikamente zulassen und kontrollieren. In diesem Punkt sind sich alle Experten einig. Roger Bate möchte, dass westliche Hilfsorganisationen den betroffenen Ländern beim Aufbau solcher Institutionen helfen. Seine Studie ergab, dass in dem jeweiligen Staat zugelassene Medikamente deutlich seltener minderwertig waren (7 Prozent) als nicht zugelassene (48 Prozent).

„Damit die Kontrollbehörden unabhängig bleiben, müssen ihre Mitarbeiter ordentlich bezahlt werden“, sagt Richard Jähnke. „Außerdem brauchen sie Einrichtungen, um das, was sie prüfen sollen, auch prüfen zu können. Letztendlich“, so sein Fazit, „brauchen diese Länder einfach mehr Geld, sei es durch mehr Steuereinnahmen, günstige internationale Kredite oder multilaterale Hilfszahlungen.“

Ich wünsche mir wirklich, dass das Thema gefälschte Medikamente in ein paar Jahren nicht mehr aktuell ist. Sehr zuversichtlich bin ich jedoch nicht.

Dieser Post ist auch ein Service für die Käufer meines Büchleins Tödliche Imitate, die in der entsprechenden Rubrik immer wieder neue, interessante Informationen über gefälschte Medikamente finden können. Leider wird mir das Material vermutlich noch eine ganze Zeit lang nicht ausgehen.

TODLICHE IMITATE - 2000OHNESKRUPELkobo

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