Aha-Momente – Wie sie entstehen und wie wir sie herbeiführen können

Das Juli-Heft von Psychologie Heute enthält meinen Artikel Aha! Wenn der Groschen fällt. Als Journalistin und als Krimiautorin, kurz: als Kreative, bin ich auf gute Einfälle angewiesen. Deshalb war die Recherche zu diesem Artikel nicht nur interessant für mich, sondern auch besonders nützlich. Habe ich den bestenJob/die besten Jobs auf der Welt, oder was? 😉

Wie üblich enthält dieser erste Post zu dem Artikel die Outtakes, also die Passagen, die es aus Platzgründen nicht ins Heft geschafft haben. In einem zweiten Post verrate ich meine wichtigsten Quellen und gebe Hinweise auf einige Zitate und Links, die ich erst nach dem Schreiben gefunden habe.

Genug der Vorrede. Hier sind die Outtakes:

… Natürlich erfolgt nicht jede Entdeckung plötzlich. Wissenschaftler arbeiten oft analytisch, gehen also methodisch Schritt für Schritt vor. Auch bei Künstlern sind dramatische Erleuchtungen nicht für die Entstehung des gesamten Werks verantwortlich.

Die Psychologie betrachtet Aha-Momente als eine Komponente von Kreativität. Henri Poincaré unterschied aus eigener Erfahrung vier Schritte: die Präparations-, die Inkubations-, die Illuminations- und die Verifikationsphase. …

… Wobei die Intensität und Länge der nötigen Vorbereitung natürlich vom Problem abhängt. Doch die „Präparation“ ist nur die halbe Arbeit. Nach der Erleuchtung müssen wir nämlich überprüfen, ob unsere Erkenntnis tatsächlich der Realität entspricht beziehungsweise ob unsere Idee sich auch umsetzen lässt und nützlich ist (Verifikation).

Erlebt man einen Aha-Moment, so zeichnen ihn gewöhnlich mehrere Eigenschaften aus: Erstens sucht man oft schon längere Zeit nach einer Lösung, ist jedoch immer wieder in einer Sackgasse gelandet. Außerdem treten diese Einsichten schlagartig ein, oft wenn man mit etwas anderem beschäftigt ist und es am wenigsten erwartet. Vielleicht weil sich die Erkenntnis nach den vorherigen Anstrengungen scheinbar so leicht einstellt, fühlt sie sich gut und richtig an. Und schließlich kann man sich nicht erklären, wie man auf diese Idee gekommen ist. Letzteres beschrieb die Genetikerin und spätere Nobelpreisträgerin Barbara McClintock so: „Etwas passiert, und plötzlich kennt man die Lösung – lange, bevor man sie in Worte fassen kann. Das läuft völlig unbewusst ab.“ …

… Die beiden Amerikaner setzen bei ihrer Forschung hauptsächlich zwei Methoden ein, um herauszufinden, was im Moment der plötzlichen Einsicht und kurz davor geschieht. Die Elektroenzephalografie (EEG) gibt Auskunft über das Wann und die sogenannte funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) über das Wo im Gehirn.

… Diese Tests bezeichnet man als Remote Associates Tests (RAT) oder auch, präziser, als Compound Remote Associate (CRA) Aufgaben. … Nina Landmann von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg und ihre Kollegen haben 2014 eine lange Liste deutscher Aufgaben zusammengestellt, etwa Werkstatt, Gedächtnis, Name. Lösung: Künstler. Dauer, Pass, Steg: Lauf. Dach, Laden, Platz: Fenster.

… Das, was viele Wissenschaftler, im Einklang mit Poincaré, als Inkubation bezeichnen, läuft gewöhnlich unbewusst ab, während wir mit anderem beschäftigt sind. …

… In diesem Stadium, also vor dem eigentlichen Geistesblitz, ist der so genannte anteriore cinguläre Cortex aktiviert, und kann, so Kounios, „eine schwache, unbewusste, alternative Idee entdecken und andere Hirnbereiche veranlassen, ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten, was zu einer plötzlichen Einsicht führt“. Ist der anteriore cinguläre Cortex weniger aktiv, dann tragen wir sozusagen Scheuklappen und nehmen nur die offensichtlichsten Ideen oder Lösungen wahr. Wie wichtig eine unfokussierte, offene Geisteshaltung ist, ahnte bereits Poincaré, als er schrieb: „Zwar bin ich nicht der Meinung, für den schöpferischen Akt genüge es, möglichst fern liegende Objekte zusammenzubringen – die meisten so zustande gekommenen Verbindungen wären völlig unergiebig –, doch einige dieser Verbindungen erweisen sich, so selten sie auch vorkommen, als die fruchtbarsten von allen.“

… Nicht nur Freude, sondern auch Langeweile ließ Probanden bei Kreativitätstests besser abschneiden ließ. Waren diese dagegen betrübt oder gestresst, wirkte sich dies negativ auf ihre Ideenfülle aus. Das haben Karen Gasper und Brianna Middlewood von der Pennsylvania State University entdeckt. Sie glauben, dass die Ausrichtung der Stimmungen wichtig ist: So sei die Einstellung bei Freude und Langeweile zugewandt und offen, Entspannung und Kummer seien dagegen Vermeidungshaltungen. Dass auch Langeweile inspirieren kann, leuchtet ein. Wer hat nicht schon einmal erlebt, wie sich ein Kind, das sich gerade noch gelangweilt hat, aus dieser Empfindung heraus ein Spiel mit ein paar Autos ausdenkt oder eine Geschichte mit Puppen oder Legofiguren?

Wer gute Ideen haben will, muss außerdem viele, darunter auch eine Menge schlechte hervorbringen. Adam Grant erklärt, „dass über die Gesamtproduktion gesehen kreative Genies auf ihrem Gebiet qualitativ nicht besser waren als ihre Fachkollegen. Sie stellten einfach nur eine größere Menge von Werken her, was ihnen mehr Varianten eröffnete und somit eine größere Chance auf Originalität.“ Dabei bezieht er sich auf Forschung von Dean Keith Simonton. Der amerikanische Psychologe beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Kreativität und Genialität in Bereichen wie Kunst, Wissenschaft und Politik. Shakespeare hat immerhin 37 Dramen und 154 Sonette verfasst, Mozart mehr als 600 Stücke komponiert, Bach über 1000. Picasso hat eine Unmenge Werke hinterlassen, Einstein 248 Veröffentlichungen geschrieben. Nicht alle davon sind gleich beliebt oder berühmt. Ihre originellsten Schöpfungen vollbringen Kreative in den Jahren, in denen sie insgesamt am meisten produzieren. Im Alter zwischen 30 und 35 Jahren trug Thomas Alva Edison nicht nur entscheidend zur Entwicklung der Glühbirne und des Phonographen bei, sondern meldete mehr als 100 Erfindungen zum Patent an. „Unsere ersten Einfälle“, schreibt Grant, „sind oft die allergewöhnlichsten. … Erst wenn wir das Offensichtliche beiseiteschieben, haben wir die Freiheit, weit entfernt liegende Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.“

Zwar können wir Erleuchtungen nicht auf Knopfdruck herbeiführen. Wie die Forschung zeigt, lassen sich jedoch günstige Voraussetzungen schaffen. Erstens, indem man sich im Vorfeld mit dem betreffenden Problem beschäftigt und ganz allgemein vielfältiges Wissen und unterschiedliche Erfahrungen sammelt. Und zweitens, indem man sich zwischendurch anderen, den Verstand wenig fordernden Aufgaben widmet, eine unkonzentrierte Geisteshaltung einnimmt und die Gedanken wandern lässt.

Einen hilfreichen Trick haben Forscher an der University of Maryland vor Kurzem entdeckt. Nach dem Motto „Fake it till you make it“ (in etwa „Tun Sie so als ob, bis es wahr wird“) sollten sich Probanden in die Rolle eines exzentrischen Dichters hineinversetzten, also in den Inbegriff eines hochkreativen Menschen. Daraufhin entwickelten sie tatsächlich mehr und originellere Ideen. (Wenn sie sich dagegen vorstellten, ein rigider Bibliothekar zu sein, wirkte sich das auf ihren Einfallsreichtum negativ aus.) Diese Klischees funktionierten bei den studentischen Versuchsteilnehmern besonders gut. Andere mögen sich unter dem Sinnbild eines einfallsreichen Menschen etwas anderes vorstellen. Denis Dumas und Kevin Dunbar, die diese Studie durchgeführt haben, kommen zu dem Schluss: „Kreativität lässt sich möglicherweise nicht am besten als eine stabile, individuelle Eigenschaft beschreiben, sondern als ein formbares Ergebnis von Umständen und Einstellung.“

Und was tut John Kounios selbst, wenn er neue Ideen entwickeln möchte? Der Psychologe nutzt die 45-minütige Zugfahrt von seinem Zuhause zur Universität. Dabei setzt er Kopfhörer auf, die ihn von Umgebungsgeräuschen abschirmen, sowie eine Sonnenbrille und schließt die Augen. Und dann lässt er seine Gedanken wandern.

Der nächste Post enthält dann, wie gesagt, Hinweise auf weiterführende Literatur bzw. meine wichtigsten Quellen und mehr.

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