Überraschung! Das unterschätzte Gefühl, das das Leben lebenswert macht (Outtakes)

PH0516Hier also, wie im vorigen Post versprochen und wie üblich bei neuen Artikeln von mir, die Outtakes aus meinem Psychologie-Heute-Beitrag „Überraschung!“. Passagen also, die es aus Platzgründen nicht ins Heft geschafft haben. Im Gegensatz zu Printmedien kennt das Internet glücklicherweise keine Begrenzungen 😉

Los geht’s:

Überraschung ist ein rätselhaftes Gefühl mit vielen Facetten. Einerseits verunsichert sie, andererseits kann sie Freude und Glück intensivieren. Kinder – und nicht nur sie – lernen aus ihr. Kurz: Sie gibt unserem Leben Würze und sorgt dafür, dass es nicht langweilig wird.

Unser Leben ist gleichzeitig ärmer und reicher an Überraschungen als das unserer Vorfahren. Der technische Fortschritt und speziell die Digitalisierung sorgen dafür, dass Veränderungen immer schneller auf uns einprasseln. In immer kürzeren Abständen sind wir mit Neuerungen konfrontiert, im Beruf und auch in der Freizeit. Wer arbeitet schon noch auf dieselbe Art und Weise wie vor 25 oder auch nur zehn Jahren? Wer hört noch Musik oder schaut Videos wie in der gar nicht so weit zurückliegenden Vergangenheit?

Laut Ray Kurzweil, einem amerikanischen Erfinder und Futuristen, verdoppelt sich die Geschwindigkeit, mit der die Welt sich verändert, alle zehn Jahre. Nach 20 Jahren ist der Fortschritt also viermal so schnell, nach 30 Jahren bereits achtmal so schnell wie zum Ausgangszeitpunkt. Früher war das anders. „Unsere Vorfahren erwarteten, dass ihre Zukunft in etwa so aussehen würde wie ihre Gegenwart, die in etwa so war wie ihre Vergangenheit“, schrieb Kurzweil in einem Essay.

Andererseits sind Überraschungen, vor allem die unangenehmen oder gar lebensbedrohlichen, speziell in der westlichen Welt seltener geworden. Hungersnöte, Naturkatastrophen und andere Gefahren …

Überraschungen können uns sogar regelrecht zum Lachen bringen. Erwartungen zu wecken und diese zu unterlaufen, ist ein wichtiges Element von Humor. Man denke nur an die gelungene Pointe am Ende eines Witzes. Je größer die Überraschung, desto stärker die Wirkung. Oder in den Worten des Philosophen Arthur Schopenhauer: „Je größer und unerwarteter, in der Auffassung des Lachenden, diese Inkongruenz ist, desto heftiger wird sein Lachen ausfallen.“ Witze und Comedy sind in gewisser Weise Beispiele für erwartete Überraschungen. Wir wissen, dass etwas Unverhofftes geschehen wird, jedoch nicht, was. Zu den Dingen, die uns auf diese Weise Freude bereiten, gehören Wundertüten für Kinder und die Vielfalt der Abo-Boxen (mit Bio-oder Beauty-Produkten, T-Shirts oder allem für das Haustier), die zurzeit in Mode sind. Wie es in einer Werbung heißt: Spaß daran macht besonders das „Auspacken und Entdecken“. Gerade die überraschenden Wendungen sind es schließlich, was wir an Geschichten lieben. Ob in Büchern oder Filmen: Wir genießen es, überrumpelt zu werden (sicher in unseren vier Wänden), und beklagen uns, wenn etwas zu vorhersehbar war.

Es stimmt zwar: Menschen sehnen sich nach Stabilität und danach, mit dem Partner eins zu sein. Das sei überall auf der Welt gleich, schreiben Luna und Renninger. Gleichzeitig fühlen wir uns aber zum anderen stärker hingezogen, wenn eine gewisse Distanz besteht. Diese kann räumlich sein, wenn man für eine Zeit getrennt ist, oder mental, wenn wir am anderen eine neue Seite entdecken.

Überraschungen geben dem Leben Würze. Das merkt man, wenn sie fehlen. Luna und Renninger nennen als Beispiele Schulen, Krankenhäuser, Betreuungseinrichtungen für ältere Menschen und Gefängnisse. „Unsere Gehirne blühen auf, wenn wir das ganze Überraschungsspektrum erleben: Abwechslung, Vergnügen, Spannung und Vorfreude“, schreiben sie. Zumindest, was Schulen und Universitäten angeht, bestätigt dies die Forschung. Eine Zusammenfassung verschiedener Studien (eine Meta-Analyse) ergab 2015, dass Langeweile während des Unterrichts sich negativ auf die Leistungen von Schülern und Studenten auswirkt. Virginia Tze von der University of Alberta in Kanada und ihre Co-Autoren empfehlen – wenig überraschend –, dass Lehrpersonen Strategien finden sollten, um die Langeweile der Lernenden zu verringern.

Tania Luna wies in einem Interview darauf hin, dass es für eine Abneigung gegen Überraschungen mehrere Gründe geben kann: eine entsprechende Veranlagung, schlechte Erfahrungen oder auch aktuelle Zustände, die bereits ein Übermaß an Unsicherheit aufweisen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Schicksalsschläge wie Krankheit, Tod, das Ende einer Beziehung oder Naturkatastrophen uns besonders hart treffen, wenn sie aus heiterem Himmel über uns hereinbrechen.

Stabilität in bestimmten Lebensbereichen, auch im Sinn von Routine, kann dafür sorgen, dass wir in anderen besser mit Unerwartetem umgehen können. Dies findet man häufig bei hochkreativen Menschen. Apple-Chef Steve Jobs trug gewöhnlich Jeans und die immer gleichen schwarzen Rollkragenpullover, was ihm ersparte, sich über sein Outfit den Kopf zu zerbrechen. Der Schriftsteller Gustave Flaubert empfahl Künstlern, ein gewöhnliches und gleichförmiges Leben zu führen, damit sie in ihren Werken umso wilder und origineller sein könnten. „Soziale Unterstützung ist besonders effektiv, wenn es darum geht, Stabilität zu schaffen“, schreiben Luna und Renninger. Das Leben von Schriftstellern ist, was etwa das Finanzielle angeht, unsicherer als das vieler anderer Menschen. Im Blog des Science-Fiction-Autors John Scalzi erzählte Bob Mayer, ein anderer erfolgreicher Autor, was geschah, als seine Karriere den Bach hinunter zu gehen schien: „Die Antwort meiner Frau war: ‚Wir kriegen das hin.‘ Und das war und ist der Grundstein unserer Beziehung.“ Die beiden haben einige Schicksalsschläge einstecken müssen, unter anderem den Tod ihres jüngsten Sohnes. Etwas, das man, wie Mayer sagt, nie wirklich überwindet. Aber seine Frau lehre ihn mehr im Jetzt zu leben und sich weniger Sorgen um die Zukunft zu machen und er ist „jeden Tag dankbar, sie in meinem Leben zu haben“.

Wer sich sicher und gut gerüstet fühlt, kann Lunas und Renningers Rat folgen, das Unverhoffte nicht nur zu akzeptieren, sondern es sogar systematisch herbeizuführen, um seine guten Seiten zu genießen. Beispielsweise können wir Überraschungen in unser Leben einbauen,

– indem wir zu neuen Gelegenheiten, die sich uns bieten, Ja sagen. Luna empfiehlt, einen Tag pro Woche zum Ja-Tag zu machen, mehr könne uns überfordern. (Ihrer ist der Mittwoch.)

– indem wir dafür offen sind, mit Menschen außerhalb unserer üblichen Kreise zu sprechen, sie kennenzulernen und uns anderen Lebensweisen und Meinungen auszusetzen, und dies aktiv herbeiführen. Sollte sich das im Alltag als schwierig erweisen: Auch in Büchern und im Internet können wir anderen Sichtweisen und Welten begegnen.

– indem wir darauf verzichten, alles bis ins Kleinste zu planen, uns zum Beispiel ohne dauernd auf den Stadtplan zu schauen durch unbekannte Straßen oder einen Park treiben lassen und nicht vorher im Internet nachschauen, wie die Zimmer in einem Hotel aussehen oder was auf der Speisekarte eines Restaurants angeboten wird.

– indem wir eine offene Haltung einnehmen, bei der wir denken: „Ich frage mich, …“ So können wir die kleinen Überraschungen des Lebens besser entdecken, sagen die beiden Autorinnen, und (gute) Gefühle intensivieren. Für eine Studie schauten die Teilnehmer entweder eine negative oder eine positive Szene aus einem Film an. Dabei sollten die einen Sätze vorlesen wie „Ich frage mich.“, „Ich bin neugierig.“ sowie „Ich bin nicht sicher, was da passiert.“ (unsichere Bedingung) oder aber „Ich verstehe.“, „Ich begreife.“ und „Ich verstehe, was passiert.“ (sichere Bedingung). Das Ergebnis: Die Personen, bei denen eine gewisse Unsicherheit ausgelöst wurde, empfanden die positiven Szenen als deutlich angenehmer als die Vergleichsgruppe. Bei den negativen Szenen gab es einen entsprechenden Effekt (sie empfanden sie als unangenehmer), jedoch war dieser schwächer ausgeprägt. Yoav Bar-Anan, seinerzeit an der University of Virginia, und seine Co-Autoren fassten 2009 die Ergebnisse ihrer Untersuchung bereits im Titel der Veröffentlichung so zusammen: „The Feeling of Uncertainty Intensifies Affective Reaction“ (Das Gefühl der Unsicherheit verstärkt gefühlsbedingte Reaktionen). Nach Ansicht von Luna und Renninger sollten wir lernen und üben, Ungewissheit auszuhalten. Sie nennen es gekonntes Nicht-Wissen. Ihr Rat: „Wenn wir unsere Entscheidungen als Experimente betrachten, erinnern wir uns daran, dass Ungewissheit normal ist und Überraschungen immer passieren werden.“

Doch wir sollten nicht nur an uns selbst denken.

Zweitens empfehlen sie: „Bury a cookie (Versteck ein Plätzchen).“ Damit meinen sie: Unangenehme Aufgaben, langweilige Präsentationen und Sitzungen lassen sich durch das Vergnügen an etwas Unerwartetem beleben. Firmen nutzen diese Methode, um Kunden zu entzücken (und zu binden). Die meisten kennen bestimmt die so genannten Easter-Eggs, die sich auf DVDs oder auf Websites verstecken. Eines kann man finden, indem man bei YouTube in die Suche die Wörter „do the Harlem shake“ eingibt. Ein anderes, wenn man bei Google in die Suche askew (das bedeutet schief) eintippt. Ein besonders schönes Beispiel findet sich ausgerechnet in dem hochseriösen klinischen Wörterbuch „Pschyrembel“, das jedem Mediziner bestens vertraut ist. Beim Buchstaben S findet man dort einen Eintrag über die ursprünglich von Loriot erdachte und gezeichnete Steinlaus samt ganz im wissenschaftlichen Stil gehaltenen spaßigen Erklärungen über Petrophaga lorioti (so der vom Griechischen abgeleitete „Fachname“). Damit nicht genug: Von Auflage zu Auflage lassen sich die Autoren neue Details für die Beschreibungen von angeblich durch die Steinlaus verursachte Krankheiten, deren Therapie und vieles mehr einfallen.

Was soll ich sagen, das Thema hat mich begeistert. Ich hoffe, das spürt man. Außerdem musste ein Teil des Texts entfallen, weil einiges in einem Interview ebenfalls angesprochen wurde und um für eben dieses Interview Platz zu machen. Nun, dadurch haben Sie dieses Mal umso mehr zu lesen gehabt 🙂

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