Stress hat auch seine guten Seiten

„… this sort of tension, unpleasant though it is, is (for me, at least) a prerequisite of performing well.“ Oliver Sacks über Lampenfieber

Das Augustheft von Psychologie Heute enthält meinen Artikel Schöner Stress als Titelgeschichte. Zum selben Thema ebenfalls lesenswert sind das Editorial von Ursula Nuber und sowie das Interview mit Helen Heinemann, die das Buch Warum Stress glücklich macht: Oder: Wieso wir aufhören sollten zu entspannen geschrieben hat.

Die Recherche hat mir viel Spaß gemacht und wie so oft habe ich selbst dabei auch eine Menge gelernt.

Hier, wie üblich, die Outtakes, also die Passagen, die es aus Platzgründen nicht in die Zeitschrift geschafft haben:

Andererseits ist bekannt, dass Gedanken die Gesundheit beeinflussen können. Man denke nur an den Placebo-Effekt.

Megan Gunnar und weitere Forscher von derselben Universität zeigten, dass Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren am wenigsten mit einer Erhöhung des Cortisol-Spiegels auf Stress reagierten, also resilienter waren, wenn sie am Anfang ihres Lebens mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen hatten. Diese Kinder waren sehr jung aus dem Ausland adoptiert worden, was die Wissenschaftler als mittlere Belastung werteten. Sowohl Jungen und Mädchen, die länger auf die Adoption warten mussten (starke Belastung), als auch solche, die bei ihren leiblichen Eltern aufwuchsen (keine Belastung), waren weniger widerstandsfähig.

Zwar könnte man theoretisch aus Seerys U-förmigen Kurven Schwellenwerte ablesen. Doch dabei handelt es sich erstens um Durchschnittswerte von verschiedenen Probanden mit unterschiedlichen Erlebnissen, so dass sich daraus keine Aussage für einen bestimmten Fall ableiten lässt. Kelly McGonigal, die selbst zu viel Schlimmes erlebt hat, um sich im optimalen Bereich zu befinden, hat den Forscher selbst nach Rückschlüssen aus seinen Daten gefragt. Im Hinblick auf die Personen mit ungewöhnlich vielen schlimmen Erlebnissen betont Seery, dass es sich um zu wenige handelt, um aufgrund der Zahlen zuverlässige Angaben machen zu können. Außerdem weiß er, dass es einigen dieser Teilnehmer außergewöhnlich gut geht. Er ist deshalb zuversichtlich, dass es zumindest möglich ist, auch aus einer Vielzahl von Schicksalsschlägen ohne bleibende Schäden hervorzugehen.

Eine Berufsgruppe macht offenbar vieles richtig. Das Versorgen von Notfallpatienten ist gewiss keine leichte Aufgabe. Und doch fasst Hans-Eckart Klose von der Universität Freiburg die Ergebnisse einer Befragung so zusammen: „Rettungsassistenten arbeiten viel und stehen oft unter hohem Zeitdruck, aber durchgängigen psychischen Stress im Sinne einer objektiven Überforderung stellen wir nicht fest.“ Als Gründe nennt der Wirtschaftspsychologe, dass die Betreffenden „ihre Arbeit als besonders sinnhaft und wichtig wahrnehmen“, sowie das Gemeinschaftsgefühl, das schützend wirken kann.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeichnen ein differenzierteres, positiveres Bild vom Stress. Und das ist gut. Denn wie sagt Kelly McGonigal? Ein sinnerfülltes Leben ist ein stressreiches Leben.

In meinem nächsten Post veröffentliche ich, wie gehabt, die wichtigsten Quellen zu diesem Artikel. Wer nicht warten mag, findet sie außerdem zurzeit (8.7.2015) auf der Website von Psychologie Heute.

Um ein verwandtes Thema (posttraumatischen Stress) ging es übrigens in meinem Artikel Am Trauma wachsen im Märzheft von Psychologie Heute, s. mein Post Verletzlicher, aber stärker – Wie wir an traumatischen Erlebnissen wachsen.

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