Verletzlicher, aber stärker – Wie wir an traumatischen Erlebnissen wachsen

Das März-Heft von Psychologie Heute enthält u. a. einen Artikel von mir: Am Trauma wachsen. Darin geht es um das sogenannte Posttraumatische Wachstum. Es folgen wie üblich im Anschluss die Outtakes, also die Passagen, die aus Platzgründen der Schere zum Opfer gefallen sind. Im nächsten Post folgen, ebenfalls wie üblich, meine wichtigsten Quellen.

Jetzt kommen jedoch zunächst einmal die Outtakes:

Im Zusammenhang mit Brustkrebs gibt es eine Reihe von Untersuchungen, beispielsweise eine recht neue von Ende 2013. Sie ergab, dass die positive Entwicklung innerhalb weniger Monate einsetzt. „Unsere Studie zeigte, wie häufig es ist, dass Frauen über die guten Dinge sprechen, die wegen dieser Erkrankung in ihrem Leben geschehen sind, und das scheint nichts damit zu tun zu haben, wie optimistisch jemand ist”, sagt Suzanne Danhauer vom Wake Forest Baptist Medical Center in den USA. Ebenfalls 2013 berichteten sie und ihre Kollegen über PTG bei Leukämiepatienten. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums veröffentlichten 2011 eine entsprechende Studie über Menschen mit Darmkrebs. Auch andere lebensbedrohliche Probleme können zu seelischem Wachstum führen, etwa die Infektion mit dem AIDS-Virus HIV.

Auch Krankheit und Tod von Menschen, die uns nahe stehen, sind häufig traumatisch. Der Ehemann der britischen Journalistin Jackie Ashley erlitt einen Schlaganfall. Sie sagt: „Ich kann bestätigen, dass es eine traumatische Erfahrung ist, wenn man unvermittelt in die Rolle einer Pflegenden versetzt wird.“ Und fährt fort: „Doch es hat auch seine positiven Seiten… die kleinen Dinge, wie wir als selbstverständlich betrachteten, von glücklichen Ereignissen im Familien- und Freundeskreis über schöne Landschaften bis zu herzerwärmender Literatur und Musik können Quellen extremer Freude sein.“ Die Traumaspezialistin Tzipi Weiss von der Long Island University in der Nähe von New York zitiert den Ehemann einer Brustkrebspatientin. Man lerne „das Leben so zu leben, als gäbe es kein Morgen, und hofft doch, dass es eines gibt, weil der drohende Tod einen dem Leben näher bringt.“

Studien ergaben, dass auch Strafgefangene in Südafrika ein positives Wachstum erlebten und dass sogar manche Arten des Reisens und die damit verbundenen Ängste und Probleme durch die seelische Entwicklung fördern.

Das Beispiel von Gillian Lashbrook illustriert, wie neu gefundene Stärke und Schmerz Hand in Hand gehen können. Lashbrooke überlebte mit 16 Jahren den Untergang der Herald of Free Enterprise, verlor dabei jedoch ihre Mutter, ihren Stiefvater und ihren Onkel. In einem Interview sagte sie der britischen Tageszeitung Daily Mirror: „Der 25. Jahrestag wird hart werden. Ich werde wie immer Mutters Grab besuchen. … Ich glaube, dass ich jenen Tag überlebt habe, hat mich zu einer stärkeren Person gemacht. Wenn ich Probleme oder Sorgen habe, denke ich, wenn ich das überstehen konnte, kann ich alles überstehen.“ Stephen Joseph zufolge haben posttraumatische Reaktionen viele Facetten und umfassen sowohl Leid als auch Wachstum. Die positiven Entwicklungen führen jedoch dazu, dass die Betroffenen weniger psychische Probleme wie Depressionen und Selbsttötungstendenzen aufweisen.

Eine Reihe von Studien kranken daran, dass sie nicht wissenschaftlich optimal durchgeführt wurden. Häufig fehlen Kontrollgruppen, also Antworten von Personen, die keinen Schicksalsschlag hinter sich haben. (Vielleicht sagen Menschen, auch ohne dass sie ein Trauma erlebt haben, dass sich beispielsweise ihre Prioritäten im Vergleich zu früher geändert haben.) Dann sind da widersprüchliche Ergebnisse wie diese: Optimismus ist wichtig, hat aber laut einer anderen Studie keinen Einfluss. Oft ist die positive Entwicklung bei Frauen größer, andere Untersuchungen finden keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Selbst soziale Unterstützung scheint nicht immer erforderlich zu sein.

Möglicherweise lassen sich solche Widersprüche dadurch erklären, dass die Materie extrem kompliziert ist. Vielleicht reagieren Japaner anders als Deutsche oder Brasilianer. Traumata können ganz unterschiedlicher Natur sein: kurz und schlagartig, wie ein Erdbeben, oder langandauernd, wie eine Krebserkrankung. Es mag auch eine Rolle spielen, wie viel Zeit nach dem belastenden Ereignis vergangen ist. Manche Befragungen erfolgten nach Monaten, andere nach Jahren. Was genau ist wie traumatisch? Darauf geben verschiedene Kulturen und Personen vermutlich jeweils etwas andere Antworten. Wahrscheinlich ist es unmöglich, Aussagen über posttraumatisches Wachstum zu machen, die für alle Menschen und Szenarien gelten. Doch selbst Kritiker geben zu, dass das Phänomen echt ist, dass es Personen gibt, die eine solche positive Entwicklung durchmachen. Strittig ist nur, wie oft das geschieht beziehungsweise wen man dazu rechnen sollte und wen nicht.

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