Menschen, die ewigen Kinder: Warum Spielen für uns so wichtig ist (Teil 1)

Das aktuelle Heft von Psychologie Heute (2/14) enthält u. a. meinen Artikel Warum wir viel mehr spielen sollten. (Ergänzung vom 28.2.2014: Jetzt in Gänze online: Mein Artikel über Sinn und Nutzen des Spielens.)

Wie ich es bereits in meinem vorherigen Blog gehandhabt habe, werde ich auch hier zu meinen Zeitschriften-Artikeln die Quellen veröffentlichen, s. der nächste Post (Teil 2).

Außerdem fallen erfahrungsmäß aus Platzgründen immer einige Passagen der Redakteurinnen-Schere zum Opfer. Diese Outtakes können Sie in diesem Post lesen.

Und schließlich noch ein Hinweis: Ich habe beim Schreiben dieses Artikels, wie so oft, auch für mich viel gelernt. Das ist kein Wunder, denn ich habe mir dieses Thema ausgesucht und der Redaktion angeboten. Eine wichtige Quelle war das Buch Play: How it Shapes the Brain, Opens the Imagination, and Invigorates the Soul von Stuart Brown, das ich sehr empfehlen kann.

Hier kommen die Outtakes:

 „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schrieb schon Friedrich Schiller. Auch Erwachsene dürfen und müssen spielen. Gemeint sind damit nicht so sehr Gesellschaftsspiele und Ähnliches, sondern vor allem eine spielerische Haltung. Diese hilft uns, in einer Welt zurechtzukommen, die sich ständig ändert, – und dabei Spaß zu haben.

Wer denkt beim Wort Spielen nicht gleich an Kinder? An Mädchen und Jungen, die selbstvergessen eine Sandburg bauen, laut brummend Modellautos hin und her schieben oder kreischend einem Ball nachjagen. Und denkt dabei zu kurz. Spiel, so der Psychiater Stuart Brown, ist nämlich ein „tiefgreifender biologischer Prozess“. Es ist im Laufe der Evolution entstanden und macht Tiere klüger und anpassungsfähiger. Bei höher entwickelten Tieren fördert es die Empathie und ermöglicht die Entstehung komplexer sozialer Gruppen, erklärt der Leiter des National Institute for Play in Carmel Valley, Kalifornien. Beim Menschen schließlich ist es für Kreativität und Innovation verantwortlich. „Play: How it Shapes the Brain, Opens the Imagination, and Invigorates the Soul“ (Spiel: Wie es das Gehirn formt, die Vorstellungskraft öffnet und die Seele stärkt) – so lautet der Titel, den Brown seinem Buch zu diesem Thema gab.

Peter Gray nennt ähnliche, aber nicht deckungsgleiche Charakteristika. Spiel, schreibt er,
– ist eine Aktivität, bei der die Mittel wichtiger sind als der Zweck,
– ist selbstgewählt und selbstbestimmt,
– wird um seiner selbst Willen getan (intrinsisch motiviert),
– besitzt eine Struktur oder Regeln, die nicht durch physikalische Gegebenheiten bestimmt sind, sondern aus dem Denken der Spieler entstehen,
– ist fantasievoll und in irgendeiner Weise dem „richtigen“ Leben enthoben,
– es beinhaltet einen aktiven, aufmerksamen, aber nicht gestressten Geisteszustand

… Wir spielen, weil es Spaß macht. Diese Eigenschaft betont auch die Definition des Duden. Spielen ist danach eine „Tätigkeit, die ohne bewussten Zweck zum Vergnügen, zur Entspannung, aus Freude an ihr selbst und an ihrem Resultat ausgeübt wird“.

Doch welche Aktivitäten genau sind Spiel und welche nicht? Kurz gesagt: Das kommt drauf an. Auf den Einzelnen und auf die Umstände.

Brown glaubt, dass die junggebliebenen, verspielten Gehirne es dem Menschen erlaubt haben, sich jeder Umgebung anzupassen und so die gesamte Erde zu besiedeln. Spielen, so meinen er und andere Experten, hält das Gehirn flexibel. Und das ist wichtig in einer sich ständig verändernden Welt. „Säugetierspiel: trainieren für das Unerwartete“ („Mammalian play: training for the unexpected“) hat Marc Bekoff, ein inzwischen emeritierter Professor für Evolutionsbiologie der University of Colorado in Boulder, einen Artikel überschrieben. Darin stellt er die Hypothese auf, dass vorübergehende Kontrollverluste im Spiel es Tieren ermöglichen, sowohl neue Bewegungsabläufe und Reaktionen einzuüben als auch zu trainieren, mit überraschenden stressreichen Situationen zurechtzukommen.

Der Zoologe John Byers von der University of Idaho in Moscow spekuliert noch allgemeiner, dass das Gehirn das Spielen benutzt, um Situationen zu simulieren und Reaktionen zu testen. „Wie kreieren wir diese ‚Simulationen‘?“, fragt Brown. „Durch Sport, physische Aktivitäten, Bücher, Geschichtenerzählen, Kunst, Filme und viel, viel mehr.“ Und das, was wir auf diese Weise lernen, lässt sich, so der Spiel-Experte, in anderen, neuen Kontexten nutzen. Kinder verbringen offensichtlich einen großen Teil ihrer Zeit mit „Simulationen“ und „Tests“. Und da wir Menschen ein Leben lang lernen, sind und bleiben wir verspielt.

Nicht nur auf Kinder wirkt das Fehlen spielerischer Leichtigkeit niederdrückend, sondern auch auf Erwachsene. Ginge es nach Stuart Brown, so würde es ebenso als Alarmzeichen gelten wie Atemlosigkeit beim Treppensteigen oder hoher Blutdruck. Spielen reduziert Stress.

Eine besonders schöne Geschichte erzählt Richard Feynman in seinem Buch „Surely You’re Joking, Mr. Feynman: Adventures of a Curious Character“ (deutsche Ausgabe: „Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!: Abenteuer eines neugierigen Physikers“). Er berichtet von einer Zeit, in der er die Freude an der Physik verloren hatte. Um sie zurückzugewinnen, beschloss er, wieder wie früher das zu tun, wonach ihm gerade war. In der Cafeteria sah er, wie jemand mit einem Teller herumalberte und diesen in die Ludt warf – und begann, sich mit der Bewegung dieser rotierenden Scheibe zu beschäftigen. Er erinnert sich, dass er einem anderen berühmten Wissenschaftler, Hans Bethe, seine ersten Berechnungen zeigte und dieser antwortete: „Das ist ja ganz interessant, aber was ist die Bedeutung?“ Darauf Feynman: „Es gibt keinerlei Bedeutung. Ich mache das nur zum Spaß.“ Er schreibt weiter: „Es war einfach, mit diesen Dingen zu spielen. … Was ich tat hatte keinerlei Bedeutung, aber letztlich dann doch. Die Diagramme und die ganze Angelegenheit für die ich den Nobelpreis bekam, entstand aus dem Herumtüfteln mit dem eiernden Teller.“ (Übersetzungen von mir)

Nun ist nicht jeder Beruf ein Sprungbrett zu einem späteren Nobelpreis und nur wenige Menschen können ihr Geld damit verdienen, bei der Arbeit in der Fantasie Räuber und Gendarm zu spielen und das, was ihnen dabei einfällt, aufzuschreiben. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, heißt es schließlich. Andererseits wissen vermutlich die meisten aus eigener Erfahrung, dass diese beiden Dinge sich nicht grundsätzlich ausschließen.

Stuart Brown glaubt übrigens, dass Brainstorming nur funktioniert, wenn es wahrhaft spielerisch geschieht. Um Teilnehmer in eine entsprechende Stimmung zu versetzen, lässt er sie vorher etwas wie Twister spielen, denn nach seiner Erfahrung eignet sich Bewegung besonders gut, Menschen in Spiellaune zu bringen.

Das Internet lebt in vielerlei Hinsicht geradezu davon, dass Arbeit Spaß macht. Darauf weist der Holländer Arne Gillert in seinem Buch „Der Spielfaktor – Warum wir besser arbeiten, wenn wir spielen“ hin. Unzählige Menschen engagieren sich dort ohne Bezahlung, verfassen Beiträge für Wikipedia, programmieren und optimieren Software, schreiben und veröffentlichen Geschichten und vieles mehr.

Wie sehr man den eigenen Beruf als Spiel empfindet, kann man testen, indem man sich fragt: „Wenn ich dieselbe Bezahlung bekäme und dieselbe Aussicht auf künftigen Verdienst hätte, dieselbe Achtung von anderen Menschen erhielte und dasselbe Gefühl hätte, etwas Gutes für die Welt zu tun, indem ich nicht in meinem Job arbeite, würde ich aufhören?“ Wer diese Gelegenheit sofort ergreifen würde, der spielt nicht bei der Arbeit, meint Peter Gray. Wer jedoch nur ungern auf seinen Job verzichten würde oder auf keinen Fall etwas ändern möchte – der arbeitet nicht nur für äußere Belohnungen, der hat auch Spaß daran.

Ich denke die Art und Vielzahl der Outtakes machen deutlich, wie sehr das Thema mich begeistert hat 😉

Ergänzung vom 21.3.2017: Hier ein aktueller Artikel darüber, dass und wie Tiere spielen: The Parrot With a Call as Infectious as Laughter.

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