Eltern sind gesünder

Eine Reihe von Studien weisen darauf hin, dass Eltern gesundheitlich besser dastehen als Menschen ohne Kinder. Auch wenn man das manchmal bei all dem Schlafmangel, dem Stress und den großen und kleinen Sorgen nicht glauben mag. Ganz abgesehen davon, was die lieben Kleinen an Krankheitserregern so alles ins Haus schleppen.

Der folgende Beitrag ist übrigens vor etwa einem Jahr bereits in  etwas anderer Form bei Spiegel Online erschienen. Unter dem Titel Eltern im Vorteil: Kinder machen gesund und verlängern das Leben. Alles begann, als ich eine Pressemitteilung mit der Überschrift Got Kids? Then You’re Less Likely to Catch a Cold las und mir anschließend die zugehörige Veröffentlichung anschaute: Parenthood and Host Resistance to the Common Cold.

Falls Sie sich fragen, wie ich es schaffe, Veröffentlichungen, die ich hier im Blog zitiere, in Gänze zu lesen, obwohl die Links nur zu den Zusammenfassungen/Abstracts führen: Nein, ich gebe nicht Unsummen für Artikel hinter Paywalls aus. Ich schicke einem oder einer der AutorInnen ein E-Mail mit der Bitte um das Paper (und erwähne dabei, dass ich Journalistin bin) und die senden es mir freundlicherweise in der Regel innerhalb von 24 Stunden per E-Mail zu. (Hier endet der Blick hinter die Kulissen.)

Ich las jedenfalls die Texte über die vor Erkältungen besser geschützten Eltern und meine Neugier war geweckt. Sind Väter und Mütter tatsächlich weniger anfällig für Krankheiten, und wenn ja, warum? Das sind die Ergebnisse meiner Recherche (sprich: der Artikel in seiner ursprünglichen Form):

Wer Kinder hat, lebt länger und ist weniger anfällig für bestimmte Krankheiten als Menschen ohne Nachwuchs. Das zeigen einige Studien aus den letzten Jahren. Warum das so ist, darüber können Forscher bisher nur Vermutungen anstellen.

Wer im Internet sucht, findet jede Menge Informationen darüber, welchen Einfluss Eltern auf das Wohlbefinden ihrer Kinder haben. Doch wie wirken sich die Sprösslinge auf die Gesundheit der Mütter und Väter aus? Darüber weiß die Wissenschaft offenbar wenig, wenn man die Suchergebnisse im weltweiten Netz als Maß nimmt.

Seltener Schnupfen

Einige Forscher haben inzwischen begonnen, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Eine amerikanische Studie ergab beispielsweise,  dass Menschen mit Kindern nur halb so anfällig für Erkältungen sind wie solche ohne. Rodlescia Sneed von der Carnegie Mellon University und ihre Kollegen verabreichten dafür knapp 800 Personen per Nasentropfen Erkältungsviren. Etwa drei Viertel aller Teilnehmer infizierten sich, Eltern und Kinderlose gleichermaßen. Knapp ein Drittel der Probanden entwickelte Schnupfensymptome. Allerdings betrug das Risiko für Menschen mit ein oder zwei Kindern nur 52 Prozent desjenigen von Kinderlosen. Bei Personen mit drei oder mehr Kindern sank es sogar auf 39 Prozent.

Väter und Mütter erkrankten seltener, unabhängig davon, ob ihre Kinder noch zu Hause wohnten oder nicht. Hatte der Nachwuchs das Nest verlassen, betrug das Risiko der Betreffenden sogar nur ein Viertel dessen von Kinderlosen. Waren Eltern vielleicht besser geschützt, weil sie zuvor zwangsläufig häufiger mit Erkältungsviren in Kontakt kamen? Das konnten die Forscher durch Tests ausschließen. Sie vermuten, dass Elternsein die Psyche oder das Verhalten positiv beeinflusst.

Weniger Herz-Kreislauf-Probleme

Kinder wirken sich auch günstig auf den Blutdruck aus, so eine Studie aus dem Jahr 2009,  – allerdings nur bei Müttern, nicht bei Vätern. Knapp 200 Teilnehmer zwischen 20 und 68 Jahren trugen ein Messgerät am Körper, das den Blutdruck über 24 Stunden aufzeichnete. Die Blutdruckdifferenz zwischen Frauen mit Kindern und ohne betrug beim systolischen (dem höheren) Wert 12 Punkte und beim diastolischen 7 Punkte. Das Alter der Kinder spielte keine Rolle.

Doch warum wirkt Nachwuchs bei Frauen sozusagen blutdrucksenkend? Julianne Holt-Lunstad von der Brigham Young University in Provo, Utah, und ihre Co-Autoren vermuten, dass je nach Alter der Kinder unterschiedliche Mechanismen am Werk sind, und zitieren dieses Beispiel:  Der Blutdruck stillender Mütter, die eine stressreiche Aufgabe vor sich hatten (sprich einen Vortrag), stieg weniger an, wenn sie zuvor zehn Minuten lang ihr Baby im Arm hielten. Mütter kleiner Kinder könnten also vom häufigen Körperkontakt profitieren. Bei Schulkindern seien sie vielleicht in ein ausgedehntes soziales Netz eingebunden und erwachsene Kinder könnten selbst soziale Unterstützung bieten.

„Im Alltag kann es zwar mühsam sein, sich um Kinder zu kümmern“, sagt Holt-Lunstad, „es hat sich jedoch gezeigt, dass, wenn man stressigen Lebensbedingungen ein Gefühl von Sinn und Bedeutung abgewinnt, dies mit besseren gesundheitlichen Ergebnissen verbunden ist.“

Für Väter wiederum ist das Risiko, an einer Herzkreislauf-Krankheit zu sterben geringer als für andere Männer. Das haben amerikanische Forscher kürzlich entdeckt. Zwei Kinder oder mehr vermittelten den größten Schutz.

Längeres Leben

Insgesamt dürfen Eltern sich offenbar über eine höhere Lebenserwartung freuen, wie eine Auswertung der Daten sämtlicher Norwegerinnen und Norweger ergab, die zwischen 1935 und 1958 geboren wurden. Danach war die Wahrscheinlichkeit, im Alter zwischen 45 und 68 Jahren zu sterben (den Forschern standen Daten bis 2003 zur Verfügung), bei Kinderlosen deutlich höher als bei Personen mit zwei Kindern (bei Frauen um 50 Prozent, bei Männern um 35 Prozent). Das Sterberisiko von Eltern mit einem Kind lag dazwischen.

Mehr als zwei Kinder zu haben, war speziell für Mütter noch günstiger. Es ist bekannt, dass Frauen, die Kinder geboren haben, seltener an Brustkrebs erkranken. Aber selbst wenn die Forscher solche Todesfälle außen vor ließen, blieb der Effekt, dass Mütter länger leben als kinderlose Frauen, erhalten.

Warum sind Eltern gesünder?

Vielleicht, so spekulieren die Autoren, veranlasst die Geburt von Nachwuchs die Erwachsenen, auf gesundheitsschädliches Verhalten zu verzichten. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Apothekenmagazins Baby und Familie scheint das zu bestätigen. Dort gaben 44 Prozent der Mütter und Väter an, stärker auf eine gesunde Ernährung zu achten als in der Zeit, bevor sie Kinder hatten. Selbstauskünfte sind allerdings so eine Sache. Wer gibt schon gerne zu, sich nicht vorbildlich um den Nachwuchs zu kümmern?

Um die Psyche von Eltern ist es zwar weniger gut bestellt, wie man in dem Artikel der Erkältungforscher nachlesen kann. Sie sind weniger zufrieden und tendieren mehr zu Depressionen, Ängsten und Ärger als Kinderlose.  Allerdings  nehmen sie sich seltener das Leben.

Dass Elternschaft zumindest die körperliche Gesundheit fördert, liegt nicht an der Ehe als solcher, die, wie man weiß, dem Menschen ebenfalls guttut. Das haben einige der Forscher überprüft.  Vielleicht gilt der positive Effekt jedoch nur für Personen in der westlichen Welt und ohne Existenzsorgen.

Fragen bleiben

Streng genommen stellen einige Studien außerdem nur einen Zusammenhang her. Theoretisch ist es möglich, dass die Ursache-Wirkung-Beziehung andersherum verläuft. Sprich, dass Menschen mit einer guten Konstitution eher (und mehr) Kinder bekommen. Schlecht erklären lässt sich damit allerdings die blutdrucksenkende Wirkung des Stillens und der bessere Schutz vor Schnupfensymptomen in zwei der oben beschriebenen Studien.

Kein Wunder, dass Sneed und ihre Kollegen in ihrem Artikel darauf hinweisen, dass noch viele Fragen offen sind: „Unsere Ergebnisse, wiewohl spannend, lassen Raum für weitere Studien, um herauszufinden, wie verschiedene Aspekte des Elternseins … mit der physischen Gesundheit in Beziehung stehen könnten.“

Fazit: Die vorhandenen Studien weisen darauf hin, dass Eltern (körperlich) gesünder sind als Kinderlose. Die Gründe dafür sind noch weitgehend unklar.

(Foto: lorenkerns/Flickr)

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